Das Selbstbewusstsein ist ein eigentümlicher Mechanismus unserer Psyche. Er prägt unsere Haltung, unsere Gesten, unsere Mimik, unsere Reaktionen. Wer selbstbewusst ist, kann sich besser freuen. Wenn wir uns freuen, verbessert sich unser Selbstbewusstsein. Wir werden neugieriger, interessierter, hoffnungsfroher. So können wir mehr Freude, mehr Glück und mehr Harmonie erleben und sind offener für neue Erfahrungen. Das wiederum führt dazu, dass wir wacher, lebendiger, freudiger, spontaner werden – ein Kreislauf. Ein gutes Selbstbewusstsein weist den Weg in ein zufriedeneres Leben.

Umgekehrt macht uns ein schwaches Selbstbewusstsein mut- und antriebslos, denn wir fühlen uns unattraktiv und inkompetent. Wir meiden Herausforderungen, schämen uns dafür, werten uns weiter ab, erleben unser Leben als sinnlos. Wir entwickeln Ängste, Schuldgefühle, Neid, Eifersucht.

Die Gefahr, eine psychische Erkrankung – zum Beispiel eine Essstörung, Depression oder Persönlichkeitsstörung – zu entwickeln, ist dadurch stark erhöht.

Morris Rosenberg, ein Pionier der Erforschung des Selbstbewusstseins, fand bereits 1965 heraus, dass von Schülern, bei denen es sehr stark ausgeprägt war, vier Prozent zu Depressionen neigten – von jenen, die ein sehr schwaches Selbstbewusstsein aufwiesen, dagegen 80 Prozent.

Das Bemerkenswerte: Heute wissen wir, dass der Weg in die eine oder andere Richtung bereits im Alter von fünf Jahren im Wesentlichen vorgezeichnet ist.

Forscher erkannten, dass die durchschnittliche Stärke unseres Selbstbewusstseins, von ihnen “Selbstwertgefühl” genannt, zu etwa 50 Prozent genetisch vorgegeben ist. Ob es sich besonders positiv ausprägt oder eher schwächelt, entscheidet sich früh: Über die künftige “Alltagslage” unseres Selbstwertgefühls bestimmen frühkindliche Prägungen (bis zum Alter von etwa fünf Jahren) mit weiteren 30 Prozent mit. Die verbleibenden 20 Prozent werden später durch Elternhaus, Freundeskreis und Schule bestimmt.

Nach Abschluss der Adoleszenz mit Anfang zwanzig hat sich die Persönlichkeit ausgebildet. Damit ist weitgehend festgelegt, in welchen Rahmen sich unser Bild von uns selbst fügt. Selbstverständlich kann sich das, was sich innerhalb dieses Rahmens ausdrückt, über die Jahre deutlich verändern. Es ist abhängig von vielen äußeren Umständen, besonders davon, wie viel Bestätigung wir in unserem jeweiligen Lebensumfeld finden können. Doch der Rahmen selbst ist kaum noch zu sprengen – allenfalls mit Hilfe einer intensiven Therapie lässt sich die Struktur der Persönlichkeit verändern.

Eine entscheidende Rolle spielt die Bindung an eine Bezugsperson

Die Ausprägung unseres Selbstbewusstseins setzt unmittelbar nach der Geburt ein, doch erst im Alter von etwa zwei Jahren scheinen Kinder ein positives Selbstwertgefühl zu empfinden – sie freuen sich über Erfolge. Vor einem schlechten Selbstwertgefühl sind sie noch etwa ein halbes Jahr geschützt: Es kann im Alter von etwa zweieinhalb Jahren in ihr Leben treten. Basis des Selbstwertgefühls ist das Selbstvertrauen: Ein Säugling muss darauf bauen können, dass seine Eltern verlässlich sind, dass Bedürfnisse, die er noch nicht artikulieren kann, verstanden und befriedigt werden. Er überträgt dieses Vertrauen auf andere Menschen und schließlich auf sich selbst: “Wenn andere vertrauenswürdig sind, dann bin ich es auch”, ist die Erkenntnis. “Selbst-Vertrauen” entsteht.

Auch die Bindung an eine Bezugsperson, in der Regel die Mutter, spielt eine entscheidende Rolle für die Ausbildung eines guten Selbstbewusstseins. Voraussetzung dafür ist der angemessene Umgang mit den Stimmungen des Kindes: Die Mutter nimmt dessen Wut, Angst oder Trauer wahr, deutet sie richtig und versteht es, das Kind zu beruhigen oder zu trösten. Kinder mit einer sicheren Bindung sind schon im Kindergartenalter besser in der Lage, Konflikte zu lösen, sie sind interessierter, fantasievoller, ausdauernder und fröhlicher.

Im Alter von fünf Jahren sind die entscheidenden Muster für den Umgang mit Emotionen gefestigt. Dem entspricht die Ausreifung des Gehirns: Die Differenzierungen im Gehirn eines Fünfjährigen entsprechen bereits zu 90 Prozent denen eines Erwachsenen.

Wer bis jetzt ein gutes Selbstbewusstsein ausbilden konnte, hat die besseren Voraussetzungen für ein gutes Leben.

Ein spezifischer Ort, an dem das Selbstbewusstein seinen Sitz hat, wurde bisher nicht gefunden. Sicherlich spielen verschiedene Teile des Hirns zusammen. Auf der Suche nach unserer Persönlichkeit, den individuellen Mustern, nach denen wir unsere Emotionen verarbeiten also, haben Neurowissenschaftler acht “Ichs” aufgespürt – an acht verschiedenen Orten im Denkorgan. Der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth hat sie so zusammengefasst:

Selbstbewusstsein- die acht “Ichs”

1. das Körper-Ich:
das Gefühl, dass dasjenige, in dem ich stecke, tatsächlich mein Körper ist

2. das Verortungs-Ich:
das Bewusstsein, dass ich mich gerade an diesem Ort, nicht woanders und erst recht nicht an zwei verschiedenen Orten befinde

3. das perspektivische Ich:
der Eindruck, dass ich der Mittelpunkt der von mir erfahrbaren Welt bin

4. das Ich als Erlebnis-Subjekt:
das Gefühl, dass ich diese Wahrnehmungen, Ideen, Gefühle habe, nicht etwa ein anderer

5. das Autorschafts- und Kontroll-Ich:
das Gefühl, dass ich Verursacher und Kontrolleur meiner Gedanken und Handlungen bin

6. das autobiografische Ich:
die Überzeugung, dass ich heute derjenige bin, der ich gestern war, und dass ich eine Kontinuität meiner Gefühle erlebe

7. das selbst-reflexive Ich:
die Möglichkeit des Nachdenkens über mich selbst

8. das ethische Ich:
mein Gewissen, das sagt, was ich zu tun oder zu lassen habe.

Die Gehirnforscher können diese verschiedenen Ich- und Bewusstseinszustände unterscheiden, weil sie bei Hirnerkrankungen oder nach Hirnverletzungen unabhängig voneinander beeinträchtigt sein können. In ihrer Gesamtheit bilden sie die Voraussetzung, dass wir uns und die Welt in Beziehung zu uns wahrnehmen können. Sie sind damit die funktionale Basis unseres Selbstbewusstseins. Doch wozu brauchen Wissenschaftler ein derart differenziertes Bild des Ichs?

Weil es zeigt, dass viele verschiedene Komponenten verzahnt ineinander wirken müssen, um schließlich das auszumachen, was in unser Bewusstsein als Selbstbild eindringen kann. So wie das Gehirn selbst, das heute von vielen Fachleuten eher als Gebilde aus vielen verschiedenen Funktionssystemen denn als ein Organ beschrieben wird, ist auch das Selbstwertgefühl mehrdimensional zu betrachten. Es kann in verschiedenen Lebensumfeldern oder bezüglich spezieller Kenntnisse und Fähigkeiten bei ein und derselben Person sehr unterschiedlich ausgeprägt sein. Der Berliner Psychologe Jens Asendorpf hat Grundschüler auf ihr Selbstwertgefühl in sportlicher, sozialer und kognitiver Hinsicht untersucht. Er fand heraus, dass sich klare Unterschiede nachweisen lassen.

Die Forscher wissen heute auch, welcher Botenstoff in Sachen Selbstbewusstsein entscheidend ist: Dopamin. Menschen mit hohem Selbstbewusstsein haben einen hohen Spiegel im Blut, solche mit geringem einen niedrigeren. Die wichtige Rolle, die das Dopamin spielt, erklärt den Zusammenhang zwischen einem hohen Selbstwertgefühl und dem positiven Kreislauf, den es in Gang setzt. Der Botenstoff regt die grauen Zellen zur effizienten Verarbeitung von Informationen, zu Neugier und Fantasie und auch zur Lust auf Sex an.

Braucht es also nur eine chemische Substanz, damit wir uns selbstbewusster fühlen? Das wäre praktisch. Denn eine Dopamin-Ausschüttung lässt sich künstlich herbeiführen: mit Amphetaminen, Kokain, Alkohol und Nikotin etwa (Kokain erhöht den Dopamin-Spiegel im Blut auf das Dreifache, was den Kokser in den so typischen Größenwahn treibt). Doch es gibt einen Pferdefuß – selbst, wenn statt gefährlicher Rauschgifte geeignete Medikamente eingesetzt werden.

In einem berühmten Fall hatte der Neurologe Oliver Sacks seinem Patienten Leonard, den eine Gehirnentzündung als bewegungs-, antriebs- und interessenlose menschliche Hülle zurückgelassen hatte, mit dem Dopamin-ähnlichen Arzneimittel L-Dopa behandelt. Es war, als hätte Sacks ihn von den Toten auferweckt: Nach zwei Wochen war er ein anderer, berauscht von der Welt. Nach zwei Monaten schlug die Freude in unersättliche Gier nach Macht und Sex um. Leonard belästigte die Schwestern. In nur drei Wochen schrieb er seine Autobiografie von mehreren hundert Seiten. Er raste und verfiel in Irrsinn. Da setzte Sacks das Medikament ab – der Patient versank wieder in Starre.

Unsere Psyche ist kein Chemiebaukasten, auch wenn chemische Substanzen unser Fühlen und Handeln bestimmen. So groß die Versuchung auch sein mag: Tabletten und Drogen können uns nicht auf Dauer helfen, ein selbstbewussterer und glücklicherer Mensch zu werden. Wer sich im Kokainrausch dank des hohen Dopamin-Spiegels als sexuell unglaublich anziehender Geistesriese fühlt, wacht am nächsten Tag als Normalo auf.

Was Gene und frühkindliche Erlebnisse unserer Persönlichkeit eingeprägt haben, ist so leicht nicht zu ändern.

Und das ist biologisch sinnvoll. Denn wir sind dazu konstruiert, in einer komplexen Welt zu überleben. Wenn wir morgens aufwachen, müssen wir überzeugt sein, dass die Welt noch immer dieselbe ist und auch wir selbst noch dieselbe Person sind. Der Kern unseres Selbst ist vor mutwilligen Manipulationen geschützt – niemand kann per freier Willensentscheidung ein neuer Mensch werden. Dennoch gibt es Möglichkeiten, mit dem Vorhandenen wesentlich zufriedener zu werden. Der Schlüssel liegt darin, dass unser Selbstwertgefühl in ständigem Kontakt mit der Umwelt neu eingepegelt wird – da lässt sich oft vieles nachhaltig verbessern.

Das Selbstbewusstsein bestätigt sich in der Kommunikation mit anderen.

Soziale Geborgenheit und unser Netz von Beziehungen können es stärken: Liebenswert und anderen Menschen ein zuverlässiger Partner zu sein bewirkt ein gutes Selbstwertgefühl. Ein entscheidender Rat ist daher, in Beziehungen zu investieren und sie zu pflegen. Der eher Schüchterne sollte neue Kontakte dort suchen, wo die geringsten Schwellenängste lauern: Wer sich am Arbeitsplatz gehemmt fühlt, weil er seine Kollegen stark als Wettbewerber empfindet, sollte zum Beispiel nach einem Hobby suchen, bei dem er Menschen trifft, mit denen er zwangloser umgehen und gemeinsam Freude erleben kann.

Chronische Überforderung schadet dem Selbstwertgefühl

Aufgaben zu erfüllen und andere zu übertreffen schafft Selbstbestätigung – das ist schon bei Schulkindern deutlich erkennbar und wird an wenigen Orten so offensichtlich wie in der Arbeitswelt. Hier verwirklicht sich der moderne Mensch, sucht Anerkennung, füllt sein Leben mit Sinn. Das ist in Ordnung – solange Mensch und soziales Umfeld zusammenpassen. Denn das Anspruchsniveau, in dem wir uns bewegen, kann unser Selbstwertgefühl erheblich stärken oder schwächen.

Im Schulalter ist dies bereits nachweisbar, wie Jens Asendorpf ausführt: “So haben im klassischen deutschen Schulsystem gegen Ende der Grundschulzeit spätere Gymnasiasten ein positiveres Selbstwertgefühl als spätere Hauptschüler, weil sie in ihrer Klasse überdurchschnittliche Noten haben. Nach dem Übergang ins Gymnasium wechseln sie jedoch die Bezugsgruppe. In der neuen Gruppe sind sie im Vergleich zu ihren Klassenkameraden nicht mehr besser, sodass ihr Selbstwertgefühl relativ zu den Hauptschülern zwischen der 4. und 5. Klasse sinkt. Hauptschüler haben in der 6. Klasse im Durchschnitt ein genauso positives schulisches Selbstwertgefühl wie Gymnasiasten, weil sich die Schüler eines Typs nur noch untereinander in ihren Leistungen vergleichen.”

Dieses Prinzip lässt sich verallgemeinern: Ein kompetenter Fliesenleger hat eine größere Chance auf ein selbstzufriedenes Dasein als ein talentloser Physiker. Wer sich ständig überfordert fühlt, sollte darüber nachdenken, ob sich nicht eine Tätigkeit mit einem besser zu bewältigenden Anforderungsprofil finden lässt – chronische Unterforderung ist dem Selbstwertgefühl freilich ebenfalls nicht zuträglich.

Eine bedeutende Rolle spielen Wertorientierungen. Vielen Menschen sind Achtsamkeit, Mitmenschlichkeit, Zuverlässigkeit und Echtheit wichtig. “Werte zu verwirklichen, die wir als verpflichtend für unser Leben verstehen”, konstatiert die Zürcher Psychologin Verena Kast, “gibt uns das Gefühl, ein wertvolles Leben zu führen, es gibt uns ein gutes Selbstwertgefühl.” Sehr nützlich kann es daher sein, sich in einer ehrenamtlichen Tätigkeit zu engagieren. Funktional gesehen ist es völlig gleichgültig, ob es sich um Greenpeace, eine Kirchengemeinde oder die CSU handelt. Entscheidend ist nur, dass wir an die Richtigkeit der gemeinsamen Werte glauben.

Viele Quellen sollten unser Selbstwertgefühl speisen

Eine wichtige Stütze des Selbstbewusstseins sind Fantasien – das, wovon wir träumen. Es verhilft uns nicht nur zu einem Selbstbild, das positiver ausfällt als das Bild, das andere von uns haben. Träume reflektieren auch andere Lebensentwürfe, die wir hätten verwirklichen können oder tatsächlich verwirklichen wollen. Die Idee einer besseren Zukunft macht es uns leichter, Negatives in unserem Leben zu hinterfragen und zu ändern.

So viele Chancen für gute Gefühle! Je zahlreicher die Quellen sind, aus denen sich unser Selbstbewusstsein speist, umso belastbarer ist es. Dabei spielt offenbar, wie die Chemnitzer Psychologieprofessorin Astrid Schütz in zahlreichen Interviews herausfand, auch die Fähigkeit zur Selbstkritik eine große Rolle. Menschen, die ihre Schwächen kennen und sie als Bestandteil ihrer Persönlichkeit angenommen haben, können deutlich besser mit Kritik umgehen und sind von der positiven Bewertung anderer weniger abhängig.

Das hilft enorm. Unser Selbstbewusstsein muss eine ganze Menge aushalten können. Die wichtigsten Bedrohungen im Alltag sind Kritik, vor allem wenn sie ungerechtfertigt ist, und das Gefühl, unverstanden, abgewertet oder vernachlässigt zu sein. Aber das ist ja bei weitem noch nicht alles. Zum Schwur kommt es, wenn wir eine Identitätskrise durchstehen müssen: wenn wir den Arbeitsplatz verlieren und keinen neuen finden; wenn die Kinder aus dem Haus gehen; wenn unser Körper aufgrund von Krankheit oder Unfall nicht mehr gehorcht wie zuvor; wenn der Partner uns verlässt; wenn ein Mensch, der uns besonders nahe steht, stirbt.

Diese Erlebnisse wirken besonders dramatisch, wenn sie das Zentrum unserer Identität berühren, den Bereich unserer Persönlichkeit, der unser Selbstwertgefühl besonders stark gespeist hat. “Wer bin ich jetzt noch?”, lautet die Frage eines Sportlers, der im Wettkampf Erfüllung fand und bei einem Unfall Invalide geworden ist. Solche Krisen sind verbunden mit einem schlechten Selbstwertgefühl und dem Verlust von Selbstvertrauen, womöglich sogar mit dem Gefühl, das ganze Leben könnte misslingen. Die einen wissen, dass sie sich wieder aufrappeln werden, die anderen sind sich ihrer nicht sicher und neigen zur Resignation.

Das Selbstbewusstsein entscheidet letztlich darüber, ob wir eine Identitätskrise durchstehen oder zerbrechen.

Droht diese Gefahr, ist es höchste Zeit, Hilfe von außen anzunehmen. Qualifizierte Therapeuten können Wege aus dem tiefen Tal zeigen.

Wenn wir eine Krise bewältigt haben, gehen wir gestärkt aus ihr hervor. Das mag einer der Gründe sein, warum viele Menschen, die wieder und wieder mit sich ringen und an sich selbst arbeiten, auch noch im Laufe ihres Lebens ein stabiles Selbstwertgefühl entwickeln.

Sven Rohde
Mitarbeit: Ingrid Lorbach Wissenschaftliche Beratung: Prof. Dr. Astrid Schütz, Institut für Psychologie, TU Chemnitz

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