Es gibt ja so einige Slogans oder Aufforderungen von Außen, Traumabewältigungsstrategien die sich lesen wie Durchhalteparolen. Eine davon lautet „Wacht endlich auf“- was ja impliziert, dass der, der das schreibt sich selber für wach hält und alle anderen, die seiner Aufforderung folgen sollen, Schlafschafe sind. Auch lese ich hin und wieder Sprüche „Du bist Liebe“. Ich habe mal gelernt, dass ich weder ein, noch mein Gefühl bin, also kann ich auch nicht Liebe sein. Was ich aber sein kann, ist ein sich selbst und andere liebender Mensch sein. Ich kann mich selbst lieben und gleichzeitig Nächstenliebe zeigen. Ich könnte auch hassen. Ich tue es aber nicht, bzw. nicht mehr, weil der Hass mich eher von meinem Ziel entfernt als näher gebracht hat. Der Hass hat mich entfremdet von meinem wahren Selbst.

Wer den Aufforderungen anderer folgt, bestätigt meines Erachtens gleichzeitig, dass er glaubt und annimmt, was das Außen über ihn denkt oder gerade zu projizieren versucht. „Ich bin so wie, wenn ich nicht so… oder weil ich nicht so bin, bin ich es oder bin ich es nicht.“ Ich soll also unbewusst sein, wenn ich nicht der Masse folge. Oder aber ich bin ziellos, desorientiert und werde nicht glücklich, weil ich anderer Ansicht bin. Demnach also befinden sich alle im Tiefschlaf, es sei denn man folgt der Aufforderung eines Einzelnen, der der Ansicht ist, alles besser zu wissen. Ich glaube ja, dass dieser Mensch sich im Grunde genommen genauso hilf- und machtlos fühlt und nun auf diese Art und Weise, was ebenso als Traumabewältigungsstrategie (oder auch Tun- Modus) zu verstehen ist, versucht lauter Verbündete zu suchen, die ihn unterstützen, weil er sich alleine nicht zutraut, für sein erklärtes Ziel, was auch immer es sei, einzustehen, er quasi somit auch nicht in der Lage ist sein Trauma zu überwinden, welches dazu führt, dass er jeden, der ihm nicht folgt oder anderer Meinung ist, als ein Schlafschaf bezeichnet, welches er mit seinem Post aufzurütteln versucht.
Bewusst ist also der, der wach ist, aber nicht im Sinne der eigenen empfunden Wachheit, sondern der empfunden Wachheit desjenigen, der mit seinem Aufruf „Wacht endlich auf“ seiner ohnmächtigen Schlaflosigkeit Ausdruck verleiht.
Für mich ist das gleichzusetzen mit dem Gegenteil: „Ich bin müde, weil ich nicht schlafen kann- zuviel Übel passiert, warum ich wach sein muss!“
Ich selber meistens erst dann wach, wenn ich nicht mehr müde bin, aber das kann ja jeder so sehen wie er möchte.

Aber auch das was ich hier beschreibe, ist nur meine Vermutung. Es könnte im Grunde genommen auch möglich sein, dass ich gerade unbewusst anderen den Spiegel vorhalte, weil ich mich genauso hilflos fühle. Aber immerhin weiß ich mir zu helfen.

Der zweite Slogan, welchen sich viele Menschen gar als Facebookprofilfotoumrandung aussuchen können, lautet „Wir sind mehr“! Aha, da frage ich mich glatt, von wem da die Rede ist. Wer ist „Wir“ und für wen oder was steht das? Wer verbirgt sich hinter dem „Wir“ und warum fühlen sich so viele Menschen davon angesprochen?

Was ich herausgefunden habe, dass dieses „Wir sind Mehr“ das Motto geworden ist aller Menschen, die gegen Rechts sind. Resultierend aus einem Mord an einem Menschen aus Deutschland durch einen anderen Menschen, der nicht aus Deutschland stammt, ergaben sich Proteste von rechtsradikalen Menschen, inklusive von den Medien dargestellter Hetzjagden, welche wiederum Menschen aus dem linken Spektrum dazu animierte dagegen zu halten. Übrig geblieben sollen Menschen sein, die gegen jegliche Radikalität sein. Sie sind gegen Hass. Sie sind gegen Hetze. Sie sagen „Sie sind mehr“. Mehr als was?

Aber wofür sie jedoch stehen habe ich noch nicht heraus gefunden. Auch die Songtexte mancher Künstler, vorgetragen auf dem Festival, welches diesen Slogan sich auf die Fahne schrieb, konnte ich nicht nachvollziehen. Für mich klangen viele Songs einfach nur aggressiv und traurig.

Da ich nicht weiß wofür das „mehr“ steht, habe ich mich entschieden, mich nicht diesem „Wir“ anzuschließen.

Was sich für mich aus meiner Entscheidung ergeben hat, habe ich leider selber schon erfahren müssen. Ich werde ausgegrenzt oder als AFD- Wähler im ersten Fall oder als linksgrünversifft im nächsten Fall bezeichnet. Identitätsstiftend ist es für die, die sich von mir bedroht fühlen, weil ich mich entschieden habe, weder gegen rechts noch gegen links zu sein. Interpretiert wurde daraus, dass ich sowohl gegen die einen oder die anderen bin. Ich bin aber niemals gegen irgendwas. Wofür ich aber bin, ist Frieden und Liebe. Den Zustand des Friedens erreiche ich nicht durch Krieg und das Gefühl der Liebe erreiche ich ebenso nicht durch Hass. Ich erreiche diese beiden Ziele auch nicht, wenn ich einem anderen meine Meinung (Wahrheit) aufzwinge oder wenn ich jemandem unterstelle unbewusster als ich zu sein.

Natürlich soll es auch Menschen geben, die da gänzlich anderer Meinung sind. Diese Menschen möchte ich natürlich nicht davon abhalten, zu tun, was sie meinen tun zu müssen. Erreichen tun sie mich dadurch aber nicht. Ich bin nicht empfänglich für die Durchhalteparolen anderer, genauso wenig wie ich auf diese Menschen herabblicke. Ich blicke nach vorn. Ich mag Augenhöhe. Ich mag Austausch. Ich mag Vielfalt in Einigkeit, das heißt, alles darf sein. Bestenfalls ist es Frieden und Liebe. Schlimmstenfalls ist es Ausgrenzung, denn der Spruch „Wir sind mehr“ impliziert, dass es eine andere Gruppierung gibt, aus Menschen bestehend, die weniger sind. Für mich aber ist jeder Mensch gleich viel wert. Für mich ist jeder „wer“. Deswegen gilt für mich nicht der Spruch „Wir sind mehr“, sondern „Wir sind wer“- besser ist… Jeder ist wer… die oder der. Jeder ist ein Mensch.

Text von Leonard Anders
www.leonard-anders.de