Reinhard Haller widmete sein Buch „Die Narzissmusfalle“ den Spiegeln, die für ihn einer sind und denjenigen, denen er ein Spiegel ist. Ich fand diese Widmung genial, weil sie im Grunde genau das ausdrückt, was das Hauptproblem der narzisstischen Persönlichkeitsstörung widerspiegelt.

Wir schauen ständig in irgendwelche menschlichen Spiegel. Dabei treffen wir auf unterschiedliche Verhaltensweisen, die bei uns mal mehr, mal weniger auslösen. Je nachdem wie intensiv man in seiner Kindheit geprägt wurde, desto intensiver reagiert man auf diese. Nicht jeder dieser Verhaltensweisen muss gleich eine real existierende Gefahr darstellen, aber je mehr man sich getriggert fühlt, desto schwerer fällt es sich manchmal zurück zu halten. Manchen Menschen fehlt in dem Moment die kognitive Fähigkeit das Gefühl anzunehmen, anzugucken und dann zu analysieren.Diese Menschen gehen dann oft sehr heftig in die Resonanz, und versuchen sehr impulsiv und überbordend dieses „Scheiß- Gefühl“ abzuwehren. Diese Abwehr, wenn diese gleichzeitig als Angriff auf das Gegenüber verstanden wird, nennt man in dem Falle dann Projektion. Es heißt man soll nicht von sich auf andere schließen. Dies aber geschieht in diesem Fall.

In dem Falle halten wir unser Gegenüber für „schuldig oder böse“,weil wir uns ja angeblich wegen ihm so fühlen. So argumentieren auch oft Mörder oder Vergewaltiger denen jegliches Mitgefühl abhanden gekommen ist. Hätte die Frau sich nicht so aufreizend angezogen, welches einer Aufforderung zum Vernaschen gleicht, hätte ich sie nicht vergewaltigt. Oder hätte er mich nicht so schlecht behandelt, hätte ich ihn nicht umgebracht. Diese Argumentation mag aus Sicht des Täters verständlich sein, zeigt aber doch, wie dieser Mensch denkt. Generell haben andere schuld, wenn es ihm schlecht geht. Sie sehen aufgrund ihrer möglicherweise traumatisierenden Kindheit, in jedem einen bösen, des zu bekämpfen gilt. Dass auch hinter dieser feindseligen Art oft nur ein bedürftiges Kind sitzt, welches auch nur geliebt werden möchte, lässt sich nur sehr schwer daher ableiten. Ich bin mir aber sicher, dass niemand bösartig auf die Welt kommt. Es ist ja mittlerweile sehr sicher bewiesen, dass eine derartige Verhaltensweise teilweise genetisch bedingt ist und teilweise mit den Umwelteinflüssen oder dem Milieu zusammen hängt, in dem dieser Mensch groß wird. Und ebenso steht fest, dass nicht jeder Mensch, der eine Kindheit erlebt hatte, in der emotionale und körperliche Gewalt an der Tagesordnung stand, zu einem Mörder wird.

Nur muss man immer zum Mörder werden? Nein! Sie haben die Wahl. Der Mörder hat auch die Wahl. Er kann auch anders mit sich und seiner Wut umgehen. Tut er es nicht, muss er dafür die Konsequenzen tragen, sprich die Verantwortung übernehmen. Das gilt auch für sie, wenn sie in dieser Lage sind.

Die Frage die sich manche stellen ist, wie verhindere man einen Mörder? Ich würde stattdessen lieber danach fragen, was ich dafür tun kann, nicht selbst zum Mörder zu werden. In meiner Therapie habe ich tatsächlich einige wirkungsvolle Wege gefunden, die mir meine oft auch für mich verstörenden Rache-und Vergeltungsgedanken an Gewalt, sadistisch- sexuellen Phantasien und grandiosem Größenwahn“ nehmen bzw. soweit entschärfen, dass ich nicht in die Planungs- und schlimmer noch in die Handlungsebene komme. Für viele sind diese Gedanken ein Ventil. Man verliert sich in Tagträumen, sich vorstellend nicht mehr das arme Opfer zu sein, sondern groß und stark wie ein Märtyrer sich gegen all diesem Leid zu wehren.

Ich bin mir sicher, dass auch manche von Ihnen darunter leiden und sich fragen, was sie tun können. Oft ist es nur eine Kleinigkeit, ein Missverständnis oder eine Meinungsverschiedenheit, die eine sofortigen Wutausbruch zur Folge hat. Sowohl für sie (wenn sie es im Nachhinein reflektieren) oder auch ihr Umfeld kommt diese Attacke immer sehr überraschend. Hinter dieser Wut steht auch nur ein kleines Kind, welches verletzt ist und getröstet werden möchte. Die Angst zuzugeben verletzt zu sein, ängstigt manchen, denn dann könnte man ja als schwach und wertlos gesehen werden. Als Kompensator um sich Luft zu machen, kommt dann oft der in der Kindheit antrainierte Überlebensmechanismus namens Schutzschild oder Autopilot zum Einsatz.
Nur woher kommen diese Gedanken? Sind es wirklich die anderen, die uns einem dann sagen, dass wir schwach sind? Oder kommen die Gedanken in Wahrheit von wo anders? Ist es nicht doch der in der Kindheit erworbene Glaubenssatz, der sie so denken lässt?

Wenn sie mein erstes Buch gelesen haben, werden sie die Antwort kennen.

Was ich jetzt nochmal wiederholen möchte ist, dass jedes Gefühl an sich seine Berechtigung hat. Sie müssen sich weder schämen noch dafür rechtfertigen, wenn sie mal traurig, verletzt oder beschämt sind. Diese Gefühle sind normal, wie jedes andere Gefühl. Und sie dürfen diese Gefühle auch zeigen, sie dürfen sie annehmen, sie dürfen mit ihnen arbeiten. Es sind ihre Gefühle. Warum wollen sie etwas, was zu Ihnen gehört bekämpfen? Beschäftigen sie sich doch lieber liebevoll mit diesen Anteilen ihrer selbst. So können sie sich selber zum Beispiel hinterfragen, warum sie traurig sind, warum sie gerade Angst haben oder was genau sie verletzt hat. Aus diesen Fragen ergebe sich Antworten, die ihnen möglicherweise auch schon einen Hinweis geben, wie sie damit umgehen können oder ob es eine Lösung dafür gibt.
Und ja, diesmal dürfen sich von sich auf andere schließen. Sie müssen es in meinen Augen sogar. Auch ihr Gegenüber hat diese Gefühle. Und auch wenn er/sie sich so fühlt, hat er/sie möglicherweise die gleichen Ängste diese in der Öffentlichkeit preis zu geben. Wenn sich ihr Gegenüber aber gegenüber ihnen öffnet, sehen sie es als Vertrauensbeweis. Und bestens falls nehmen sie ihr Gegenüber ernst, indem sie ihm sein Gefühl lassen und nicht etwa sagen:

“ Wein nicht, sei Tapfer oder kein Grund traurig zu sein“.

Ich glaube nicht, dass sie sich gut dabei fühle, wenn jemand das zu Ihnen sagt. Und Warum sollte es ihrem Gegenüber anders als Ihnen gehen?
Ich wünsche Ihnen in diesen Momenten ganz viel Mitgefühl, sowohl für sich, als auch für andere. Glauben sie mir, für sie wird es auf Dauer einfacher und die anderen werden es auf kurz oder lang zu schätzen wissen und gern in ihrer Nähe sein. Niemand ist gern mit wem zusammen, dem er egal ist, der aber selbst immer die erste Geige spielen möchte. Es lebt sich einfacher, wenn man mit seinem Gegenüber nicht in Konkurrenz tritt, sondern in Gemeinschaft. Ich bin mir sicher, dass, sie mir zustimmen werden, wenn sie diese Erfahrung schon gemacht haben oder einfach machen werden.

Text von Leonard Anders