Kurz nachdem ich meine erste große (Jugend‑)Liebe nach fünf Beziehungsjahren beendet hatte, lernte ich einen sympathischen, attraktiven Mann kennen, mit dem ich eigentlich nur meinen 20. Geburtstag feiern wollte – die Party dauerte letztendlich fast 20 Jahre. Weder die Tatsache, dass er 15 Jahre älter war als ich, noch dass er verheiratet war und zwei schulpflichtige Volksschulkinder hatte, störte mich sonderlich. Ich habe mich damals nie nur als seine Affäre oder die „andere“ Frau gefühlt.

Um einerseits meinen eigenen hohen Ansprüchen auf Unabhängigkeit gerecht zu werden und mir andererseits nie auch nur ansatzweise den Vorwurf machen (lassen) zu müssen, der Ehefrau oder gar den Kindern Geld wegzunehmen, war ich stets darauf bedacht, meinen gesamten Lebensunterhalt selbst zu bestreiten. Dies setzte ich natürlich auch fort, als er nach etwa zwei Jahren bei mir einzog. Als wir in eine andere Bleibe übersiedelten, richtete ich diese mit meinem ersparten Geld ein. Er musste ja ohnehin die Wohnung für seine Ursprungsfamilie finanzieren und zahlte Unterhalt für die ehelichen Kinder.

Ich unterstützte ihn auf jede erdenkliche, mir mögliche Weise beim Aufbau seiner Firma bzw. seiner Firmen. Er machte sich ja mit unserer gemeinsam entwickelten Geschäftsidee selbstständig und hatte – unter anderem deswegen – seinen gut bezahlten Job gekündigt. Dies bedeutete allerdings, Raubbau an mir selbst und meinen Ressourcen zu betreiben. Ich fuhr zum Beispiel um drei Uhr morgens 300 Kilometer zur Arbeit, nach Nachtdiensten setzte ich mich selbstverständlich unentgeltlich für ihn ein bis zum nächsten Nachtdienst oder fuhr 600 Kilometer am Tag, um dann bis spät in die Nacht für ihn zu kellnern. Ich nahm einen Kredit auf, um seinen drohenden Konkurs abzuwenden, eröffnete selbst eine Firma, um ihm Steuervorteile zu verschaffen. Leider musste ich dadurch aber einen nicht unerheblichen Betrag zurückzahlen und bekam auch noch eine saftige Strafe aufgebrummt. Ich hielt ihn vom Suizid ab und beschützte ihn, als er volltrunken einige Schläger anpöbelte. Ich prostituierte mich zusätzlich zu meinem Vollzeitjob auf diversen Sexseiten im Internet, um sein Einkommen aufzubessern. All das machte ich, um ihm finanziell den Rücken für seine geliebte Ursprungsfamilie freizuhalten.

Nach zwölf Jahren bezogen wir gemeinsam eine Eigentumswohnung, die selbstverständlich ich finanzierte, weil er die Wohnung der Ehefrau bezahlte. Dann begann meine biologische Uhr zu ticken, und wir bekamen zusammen eine wunderbare Tochter. Alles schien so perfekt zu sein. Doch nach nur neun Monaten „durfte“ ich wieder arbeiten gehen, denn er konnte mich finanziell nicht unterstützen, und meine Geldreserven waren bereits aufgebraucht. Sowohl die Einrichtung unserer neuen Wohnung als auch einen Großteil unserer Lebenshaltungskosten bestritt nach wie vor ich alleine.

Unsere Beziehung war nur noch eine perfekte – ausschließlich durch mich aufrechterhaltene – Fassade, hinter der es mehr und mehr bröckelte. Ich rackerte mich ab, arbeitete 40 Stunden, hielt die Wohnung in Schuss und kümmerte mich jede Sekunde, die ich zu Hause war, um meine Kleine. Versuche, mehr Beteiligung von ihm zu fordern, wurden im Keim erstickt. Er musste ja Geld verdienen – tja, nur für wen oder was eigentlich? Zusätzlich erkrankte seine fast 90-jährige Mutter schwer und war auf Hilfe durch die Angehörigen angewiesen. Verständnisvoll, wie ich war, schraubte ich meine Bedürfnisse noch weiter herab und kümmerte mich bereitwillig auch weiterhin alleine um alle Belange meiner Minifamilie, denn er war ja mit seiner „anderen, wichtigeren“ Familie und den erfolglosen Firmen beschäftigt genug. Ich wollte nach wie vor weder ihm noch seiner Ursprungsfamilie zur Last fallen.

Ich überwand eine Fehlgeburt im Alleingang, und auch die darauffolgende Problemschwangerschaft meisterte ich mit Bravour ohne seine Unterstützung. Nach der Geburt unserer zweiten Tochter war ich nun – de facto ohne Hilfe – für zwei kleine Mäuse zuständig. Mein Frustpegel stieg dadurch natürlich weiter und weiter an. Endgültig in die Brüche ging die Beziehung allerdings erst, als seine Mutter starb. Er zog dann aus, aber nicht ohne einen unerbittlichen Kampf um die Kinder zu entfachen, der bis heute andauert!

Mit jeder Eingabe bei Gericht wuchs mein Hass auf dieses unliebsame Wesen. Die Akten umfassten meistens unzählige Seiten mit sehr verletzenden Vorwürfen gegen mich und detaillierte Beschreibungen meines untragbaren „Fehlverhaltens“. Ich habe die letzten sechs oder sieben Jahre damit verbracht, meinen Hass vor absolut jedem zu zelebrieren, den es interessierte oder auch nicht interessierte. Er hatte es nicht anders verdient – dieses Schwein! Er hatte mich zwei Jahrzehnte auf schäbigste Weise ausgenutzt. Ohne jegliche Gegenleistung ließ er sich von mir durchfüttern und beutete mich für seine Firmen aus.

Die Dinge, die ich vermeintlich für ihn tat, hatte ich unbewusst an eine immens hohe, aber nie artikulierte Erwartung oder Bedingung geknüpft: Später wird er mich dafür bestimmt belohnen, mir unendlich dankbar sein und mir den Rücken frei halten! Wie sehr ich mich doch irrte! Als er mit Geben an der Reihe war, stahl er sich aus seiner Verantwortung und haute feige ab. Ich überlegte sogar ernsthaft mehrfach, wie ich ihn loswerden oder verletzen lassen könnte, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Ihn vom Sprung in die Donau abgehalten zu haben, bereute ich zutiefst.

Dann passierte das Unfassbare: Meine mittlerweile 13-jährige Tochter wollte zu ihrem Vater ziehen, weil sie meinen Hass und meine Verbitterung nicht mehr ertragen konnte und wollte. Es traf mich wie ein Blitz, ich fiel aus allen Wolken. Um weiter ein wichtiger Teil im Leben meiner Töchter bleiben zu können, musste dringend etwas geschehen.

Wie stelle ich das an? Schon wieder war ich sein Opfer!! Dieser Mann hat mich 20 Jahre ausgenutzt, und nun wird er durch die Zuneigung meiner Tochter belohnt! Das darf doch alles nicht wahr sein! Dass das Leben mich so grausam bestraft! Kann er nicht einfach nur sterben, damit ich meine Ruhe habe? Dies waren nur einige der Gedanken, die mir immer wieder durch den Kopf schossen.

Dann führte ich ein langes und intensives Gespräch mit meiner Schwester und meinem Schwager (von Beruf Sozialarbeiter für Problemfamilien), das mir quasi zur ultimativen Erleuchtung verhalf. Wir redeten über meinen allgegenwärtigen unbändigen Hass und meine Verachtung für meinen Ex, die ich ohne Rücksicht auf Verluste auslebte. Da wurde mir bewusst, was ich damit anrichtete. Wie auch immer ich das jetzt anstellen sollte – ich musste mich aller negativen Gefühle entledigen.

Gesagt getan – ich analysierte wieder einmal mein Leben und diese Beziehung. Als Hauptproblem erkannte ich zunächst meine immens hohen Erwartungen an ihn. Er muss doch endlich irgendwann erkennen, wie sehr er mich ausgenutzt hat, dachte ich immer. Weiter fiel mir aber auch auf, dass ich nie gezwungen worden war, alles zu bezahlen. Ich hatte immer freiwillig auf vieles verzichtet oder auch Leistungen erbracht, die niemand eingefordert hatte. Ich erkannte ebenso, dass dieser Hass und die Verachtung eigentlich mir selbst galten, denn ich war zu blöd gewesen, mich zu behaupten bzw. Forderungen durchzusetzen, die absolut berechtigt gewesen wären. Ich hatte die Lösung gefunden: Meine Erwartungshaltung musste ich schleunigst ablegen, denn er würde sie nie und nimmer erfüllen.

Mit Meditationsübungen zum Thema Loslassen erreichte ich rasch mein Ziel. Ich fühlte nach jeder Übung, wie meine Lebensenergie zunahm und wie erleichtert ich war, weniger Negativität in mir zu tragen. Die Liebe zu meinen beiden wunderbaren Töchtern hat mir sehr dabei geholfen, mich vom Hass auf ihren Vater, eigentlich aber auf mich selbst und aus der Erwartungshaltung zu befreien. Ich akzeptiere, dass die Vergangenheit vergangen und daher nicht mehr zu ändern ist. Ich sehe mich nicht mehr als sein Opfer – das war ich ja ohnehin nie gewesen, allenfalls ein Opfer meines eigenen Verhaltens. Ich selbst habe meine Grenzen und Bedürfnisse nicht berücksichtigt.

Jetzt achte ich rechtzeitig auf meine Grenzen und Bedürfnisse. Mein Blick ist nun in Liebe nach vorne und in die Zukunft gerichtet. Die hasserfüllte Verhaftung in der Vergangenheit habe ich beenden und mich von meinen Erwartungen lösen können. Blicke ich nun zurück, schaffe ich es, nachsichtig mit mir zu sein und Lehren aus meinem Handeln zu ziehen. Ich bin nicht perfekt, aber ich akzeptiere mich und auch meine Mitmenschen, wie sie sind, mit all ihren guten und weniger guten Eigenschaften.

Neues Motto: Wer ein Problem mit mir hat, darf es gerne behalten, denn es ist ja seines!

Aus dem Buch:
Ein Narzisst packt aus: Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.