Jeder, der mit einem Narzissten zusammenlebt oder arbeitet, steht vielleicht einmal ob der mitunter rational nicht erklärbaren Reaktionen des Narzissten vor der Frage: Was fühlt der Narzisst eigentlich und was heißt das für mich?

Dazu bedarf es zuerst der Definition des Begriffs „pathologischer“ (krankhafter) Narzissmus. Denn nicht jeder Egoist ist auch Narzisst. Und unsere narzisstisch geprägte Gesellschaft fördert natürlich narzisstische Verhaltensweisen, die nicht unbedingt immer negativ gesehen werden müssen.

„Psychoanalytiker sprechen von pathologischen Narzissten als von Personen, die, oberflächlich betrachtet, gut eingegliedert und im Beruf möglicherweise sogar brillant sind, sich dabei aber selbst als traurig, verloren, verwirrt, neidisch, gierig oder wütend wahrnehmen, also unter sich selbst leiden. Dieser Leidensdruck ist u.a. unabdingbare Voraussetzung zur Diagnostizierung eines krankhaften Narzissmus. Der kranke Narziss hat ein mangelndes Selbstwertgefühl. Er ist unsicher und leicht zu kränken. Also läuft er mit einem falschen Selbst herum.“ (Dr. Gisela Schmalz, Berlin)

Weiter beschreibt Dr. Schmalz einen Narzissten als Menschen, dessen Umwelt und Partner ihm hauptsächlich als Lieferanten narzisstischer Bestätigung dienen. Selbstverstärker wie Labels, Luxus, Statussymbole und Besitz federn sein labiles Ego ab. Sobald aber die Selbstaufblähung des Narzissten bedroht oder durchschaut wird, zieht er sich zurück. Werden andere Menschen als zurückweisend wahrgenommen, ist es meist der narzisstische Charakter selbst, der andere abweist. Eher ist er dazu bereit, sich einzuigeln und sich sogar selbst zu verletzen, als sein grandioses Selbst aufzugeben.

Seine Maxime „Ich brauche andere nicht“ ist immer von der Klage begleitet: „Keiner liebt mich.“

Narzissmus-Patienten lassen sich mangels eines inneren Prinzips von Stimmungen, von Sinneseindrücken und vom Zufall eher leiten als von eigenen Plänen. Ihre Depressionen und Ängste, ihre Antriebslosigkeit und das zwanghafte, ängstliche Kreisen um die eigene Person steigern sich im schlimmsten Fall zu selbstzerstörerischen Handlungen, wie Essensverweigerung, Drogensucht oder Selbstmordversuchen.

„Ich stimme völlig mit Kohut darin überein, dass man narzisstische Persönlichkeitsstörungen wann immer möglich, analytisch behandeln sollte.“ (Otto Kernberg, in: Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus, 1983)

Wird diese Störung nicht behandelt, kann es zu erheblichen Beeinträchtigungen und hohem Leidensdruck bei den Betroffenen kommen. Abgesehen von der Gefahr der Selbstschädigung beim Narzissten, können die destruktiven Verhaltensweisen des Narzissten im zwischenmenschlichen Bereich zu Schädigungen anderer Familienmitglieder führen, so dass ein Teufelskreis entsteht, dem die Betroffenen nur schwer entkommen. Vor allem auch im Hinblick auf die Kinder, die in einer solchen Atmosphäre aufwachsen und dadurch Schaden nehmen, sollten die Betroffenen auf jeden Fall Hilfe suchen. Der Verlust von Werten und die zunehmende Gewaltbereitschaft unter unseren Kindern und Jugendlichen wird zunehmend auch auf unsere (nicht nur krankhaft) narzisstisch geprägte Gesellschaft zurückgeführt.

Aus dem ehemaligen Forum von Narzissmus.NET