Die Ursachen des pathologischen Narzissmus sind noch nicht restlos geklärt. Wohl ist aber von einer gewissen genetischen Disposition auszugehen: In manchen Familien tritt Narzissmus gehäuft auf. Andererseits beeinflusst ein narzisstischer Elternteil natürlich auch sein heranwachsendes Kind auf eine ganz bestimmte Art und Weise. Dennoch bekommt nicht jedes Kind, dass in entsprechenden Verhältnissen aufwächst, eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. In einigen wenigen Fällen kann Narzissmus auch noch in der Adoleszenz/im Erwachsenenalter entstehen. Jedoch wird auch in diesen Fällen von bereits vorher vorliegenden Defiziten in der betroffenen Persönlichkeit ausgegangen.

Narzissmus ist eine Störung, die von unserer heutigen Kultur, in der Leistung und Status sehr hoch bewertet werden, noch verstärkt wird. Die Wurzeln der narzisstischen Störung reichen jedoch viel tiefer, der Ort ihrer Entstehung ist die Familie.

Das grundlegende Problem der narzisstischen Persönlichkeit ist die Störung zweier elementarer und für die gesunde Persönlichkeitsentwicklung unabdingbar notwendiger Gefühle:

Das Selbstwertgefühl und das Selbstgefühl.

“Das Selbstgefühl hängt davon ab, wie gut oder wie schlecht jemand das eigene Selbst, also sich selbst wahrnimmt. Ist das Selbstgefühl nur schwach ausgebildet, hat man keinen wirklichen Zugang zu den eigenen Gefühlen, Wünschen und Bedürfnissen. Es findet keine Anregung statt, man hat den Eindruck, in einer öden Leere zu vegetieren. Es ist arm und leer in einem, man langweilt sich furchtbar. Gerade das mangelnde Selbstgefühl zeigt uns, dass der narzisstisch gestörte Mensch sich selbst nicht lieben kann. Er ist im Gegenteil sich selbst entfremdet. Das Gefühl für das eigene Selbst ermöglicht erst die wirkliche Selbstliebe. Der Mensch mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung versucht unbewusst, diese Grundstörung im Selbst zu kompensieren (wie z.B. durch Größenideen und Idealisierung) oder durch Abwehrmechanismen (wie z.B. Überanpassung und Entwertung) zu bewältigen. Das bedeutet, dass ein solcher Mensch in hohem Maß auf die Anerkennung und Bewunderung von außen angewiesen ist. Denn im Gegensatz zum Durchschnittsmenschen hängt beim narzisstisch gestörten Menschen das Gefühl für den eigenen Wert fast ausschließlich von der Umwelt ab. Zur Kompensation/Ausgleich seiner Unsicherheit und Minderwertigkeit baut er ein Größenselbst auf, mit welchem er stets neue Zuwendung, Bewunderung und Spiegelung von anderen Menschen wünscht. Das Größenselbst produziert wiederum Größenphantasien, welche genährt werden wollen und den Wunsch nach Bestätigung von außen nur immer neu entfachen.” (Hardtwaldklinik, 34596 Bad Zwesten)

Die Voraussetzungen für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls werden in der Kindheit geschaffen:

“Für die kindliche Entwicklung ist es von äußerster Wichtigkeit, dass dem normalen Bedürfnis des Kindes nach Zuwendung und Zuneigung, nach Wärme und Geborgenheit Rechnung getragen wird. Ebenso braucht es die Möglichkeit, sich in der liebenden Bezugsperson zu spiegeln und dabei doch als eigenes Wesen mit seiner Eigenart wahrgenommen zu werden. Die phasengerechte, adäquate Befriedigung dieser kindlichen Bedürfnisse scheint entscheidend für die Entwicklung eines gesunden Selbstwertgefühls.” (Hardtwaldklinik, 34596 Bad Zwesten)

Wird dem nicht Rechnung getragen, kommt es zu einer Frustration (Enttäuschung) narzisstischer Bedürfnisse in der frühen Kindheit Diese Frustration kann verschiedene Gesichter haben:

“Wo diese Zuwendung fehlt oder wo das Gegenteil der Fall ist, nämlich dass ein Kind sich so zu entwickeln hat, wie seine ehrgeizigen Eltern, die sich in ihrem Wunderkind wieder finden möchten, es sich wünschen, kommt es zu den entsprechenden Fehlentwicklungen. Ein Kind, welches in einem Familienklima heranwächst, das ihm seelisch aus irgendwelchen Gründen nicht gerecht werden kann, hat nur eine Möglichkeit, wenn es geliebt werden will: sich anzupassen und innerlich möglichst nichts mehr an sich heranzulassen.

So tritt mit der Zeit eine Art “gnädige Anästhesie” ein. Der Preis für diese Strategie besteht in der Einkapselung der Gefühle, so dass es später viel Zeit und Kraft braucht, um diesen Panzer aufzubrechen.

Aber nicht nur ein Zuviel an Enttäuschung, an Frustration und Kränkung wirkt sich schädlich und entwicklungshemmend aus, auch ein Zuviel an Einfühlung, an Verwöhnung, ein Fernhalten von allen schwierigen Situationen, eine zu lange Unterstützung der narzisstischen Bedürfnisse haben einen ebenso schädlichen Einfluss auf die Entwicklung: Die notwendige Anpassung an die Versagungen des Lebens kann nicht erlernt werden.

Die optimale phasengerechte Erziehung steht also zwischen Verwöhnung auf der einen und krank machender Versagung auf der anderen Seite.” (Hardtwaldklinik, 34596 Bad Zwesten)

Damit sind die Wurzeln der narzisstischen Persönlichkeitsstörung eindeutig in der frühen Kindheit anzusiedeln.

“Wiederholte seelische Verletzungen, welche normale narzisstische Bedürfnisse nach liebevoller Zuwendung, Geborgenheit und Akzeptanz besonders in der frühen Kindheit, aber auch später verhindern, lassen die narzisstische Persönlichkeitsstörung entstehen.

Im Einzelnen können unterschiedliche Familienkonstellationen dazu beitragen:

Tiefgreifende offene oder verdeckte Eheschwierigkeiten der Eltern können dazu führen, dass ein Ehepartner das Kind bzw. die Kinder auf seine Seite zieht. So können Mütter, die sich in ihrem Leben nicht glücklich fühlen, ihre Töchter in die Welt ihrer Sorgen mit hineinziehen und von ihnen getröstet werden wollen. Das Kind als Vertraute der Mutter wird ihr stets das größte Verständnis entgegenbringen, jedoch um den Preis, dass es alle seine eigenen Bedürfnisse unterdrückt. Es darf die Mutter auch nicht kritisieren, da diese sich ja für eine gute, aufopfernde Mutter hält und dafür auch Dankbarkeit erwartet.

Jungen wiederum werden von der Mutter besonders dann in ihrem Sinne manipuliert, wenn sie in Konflikt gerät mit ihrem Ehemann, der ja auch der Vater des Jungen ist. Dieser wird von der Mutter entweder mit Worten oder indirekt durch ihre Haltung herabgesetzt, wobei sie dadurch häufig besonders edel, gütig und fehlerlos in den Augen des Sohnes erscheinen mag.

Väter von narzisstisch gestörten Menschen sind oft selber schwache, unsichere Persönlichkeiten, die allerdings mächtig zu kompensieren verstehen. Oft sind sie in der Familie gar nicht richtig vorhanden, oder sie sind bedeutungslos. Sie suchen ihre Bestätigung eher außen bzw. im Berufsleben und überlassen die eigentliche Erziehung weitgehend der Mutter. Andere Väter kompensieren ihr schwaches Selbstwertgefühl damit, dass sie zum Familientyrannen werden. Sie demonstrieren ihre Stärke mit physischer Kraft, indem sie ihre Kinder züchtigen und so zu beherrschen verstehen. Oft – und dies wirkt besonders bei sensiblen Kindern – kommt es zu subtilen Entwertungen. (Hardtwaldklinik, 34596 Bad Zwesten)

Insgesamt kann man davon ausgehen, dass sich eine narzisstische Persönlichkeit dort entwickeln wird, wo ein sensibles Kind mit Eltern aufwächst, die nicht oder ungenügend in der Lage sind, es in seinen eigenen natürlichen Bedürfnissen zu unterstützen. Die Eltern sind im Grunde selber schwache, unsichere und in ihrem Selbstwertgefühl labile Menschen.