Ich denke jeder Mensch wurde irgendwo irgendwie in seiner Entwicklung gehemmt oder geprägt. Meine Mutter glänzte die erste Zeit meines Lebens mit Abwesenheit. Sie war ja auch erst 23 Jahre jung als sie mich bekam und noch mitten in der Ausbildung. Ich war ein Hupps- Kind, wie meine Tante mir später mal berichtete, sprich nicht gewollt und so fühlte ich mich auch, zumindest gegenüber meiner Mutter.

Meine Mutter hatte es als Kind wahrlich nicht einfach. Auch sie war ein Scheidungskind. Und ihr Stiefvater, mein Opa war auch ein halber Pflegefall, einbeinig, ein Trinker, aber jemand,der mir all seine Liebe schenkte. Auch geschlagen wurde meine Mutter öfters. Meine Großmutter züchtigte sie noch bis zu ihrem 15. Lebensjahr regelmäßig, wenn sie nicht dem Willen von ihr nach kam. Auch in Sachen Ordnung und Sauberkeit konnte meine Mutter meiner Oma selten das Wasser reichen, sprich sie genügte selten. Ich nehme an,dass daher die Zwangsstörung meiner Mutter her rührte, wirklich immer perfekt und ordentlich zu sein.In ihr muss sich wirklich ein furchtbar schlimmer Zwang entwickelt haben,immer mit der Angst im Nacken nicht liebenswert zu sein, oder auch Angst vor dem Kochlöffel, den ich später immer zum Fasching als Deko bekam, wenn meine Mutter oder meine Oma mich stets zur Köchin schminkten. Ja ich war der Junge, der kein Mädchen sein sollte, obwohl meine Mutter sich so sehr ein Mädchen gewünscht hat, von der sie all die Liebe bekommen sollte, die sie als kleines Mädchen nie bekommen hat. Meine Mutter fühlte sich nicht geliebt und ich konnte ihr Defizit auch nicht befriedigen. Ich war einfach zu klein.

Hätte ich damals gewusst, wie es ihr ging, hätte ich weniger geschrien. Manch ein Kinderpsychologe würde jetzt die Hände vorn Kopf schlagen und großes Mitgefühl für mich zeigen, was ich nicht entwickeln konnte, weder für mich,noch für andere.

Ich bin mir sicher, so wie mir erging es vielen anderen auch. Und ich bin mir genauso sicher, dass viele diese schmerzhaften Erinnerungen zum Teil bewusst abspalten,denn anders könnten sie nicht überleben. In der Öffentlichkeit idealisieren sie ihre Mutter, so wie ich es tat. Sie verdrängen jeden Schmerz und lügen um nicht zugeben zu müssen, dass auch sie eine traurige Kindheit hatten. So habe ich es bis zu meiner Therapie in Mainz gehalten. Nach Außen hin den Schein waren, eine gute Mutter zu haben, während ich innerlich geweint habe und mir stets echte Liebe von meiner Mutter gewünscht habe. Ich fühlte mich nie bedingungslos geliebt, geschweige denn akzeptiert. Und weil ich meiner Mutter nicht die Liebe geben konnte, die sie sich von mir erhoffte, wurde ich immer mehr zu dem Kind, was ich seit der Zeugung eben war. „Unerwünscht“.

Ich bereue es aber nicht zu leben. Ich habe viel zu Geben und kann auch ohne die Liebe meiner Mutter leben, auch wenn ich mir sicher bin, dass sie mich liebt, nur eben nicht so zeigen kann,wie es eigentlich nötig ist. Aber ich nehme mal an, dass sie es auch nicht anders gelernt hat.

Meine Großmutter war ein Kriegskind. Während des zweiten Weltkriegs war sie 7 Jahre alt. Mittlerweile kenne ich die Auswirkungen dieser Zeit. Monika Weidlich und Claudia Wollenberg halfen mir dahingehend wesentliche Antworten zu finden. Dafür bin ich sehr dankbar. Denn somit konnte ich Mitgefühl für das innere Kind meiner Mutter entwickeln und meinen Frieden schließen. Ich habe immerzu erwartet meine Mutter möge mich so akzeptieren, wie ich bin. Selbiges gilt auch für mich. Und wie mein Therapeut mir sagte, haften Kinder für ihre Eltern, sprich, meine Eltern geben ihr Bestes, nach bestem Wissen und Gewissen und meine Aufgabe ist es, das Beste daraus zu machen. Ich bin nicht gezwungen die Muster meiner Eltern zu kopieren,auch wenn ich dies als Kind sicherlich getan habe. Aber jetzt muss ich es nicht mehr. Alleine das Bewusstsein,welches ir das nötige Wissen vermittelte, macht mich zu dem Menschen der ich bin. Und diese Verantwortung für mich übernehme ich gerne.

Jeder Mensch strebt ein selbstbestimmtes Leben an. Dazu gehören bestimmte Rechte, manchmal auch Privilegien genannt, aber eben auch Pflichten. Und meine Pflicht ist es nun mal, die Fehler zu erkennen, möglicherweise auch zu verzeihen um es dann bewusst anders zu machen. Und diese Pflicht haben wir alle. Wir können nämlich irgendwann nicht mehr alles mit der Kindheit, Vergangenheit oder der Fehler unserer Eltern rechtfertigen. Nein irgendwann sind wir an Stelle unserer Eltern und müssen nach bestem Wissen und Gewissen unsere Kinder groß ziehen und Ihnen all die Liebe geben, die sie brauchen um zu werden, was sie sind, nämlich selbstbewusste, sich selbst liebende Menschen, die unser Erbe weiter geben. Ich finde diese Verantwortung für diese Aufgabe haben zu dürfen einfach nur gerecht und auch ein bisschen wundervoll. Danke, dass ich leben darf. Danke Mama, danke Papa. Ihr hättet mich ja auch abtreiben können. Habt ihr aber nicht und nun helfe ich mir und anderen zu sich selbst zu finden. Vielleicht kann ich auch euch damit helfen. Ich würde es mir wünschen.

Text von Leonard Anders