Gesundheit ist kein Thema. Wenn wir uns körperlich und psychisch gesund fühlen, denken wir nicht weiter darüber nach. Über unsere Krankheiten und Probleme können wir hingegen stundenlang sprechen. So ähnlich verhalten sich auch Human- und Sozialwissenschaftler: Sie erforschen nicht, unter welchen Bedingungen sich Kinder zu psychisch gesunden, glücklichen und erfolgreichen Erwachsenen entwickeln. Hingegen haben sie Hunderte von Artikeln darüber veröffentlicht, unter welchen Umständen Menschen drogenabhängig oder schizophren werden. Ich kann Ihnen somit in meinem Vortrag keine empirischen Forschungsergebnisse über Rahmenbedingungen für eine gesunde kindliche Entwicklung nennen, sondern muß mich auf allgemeine, eher spekulative Aussagen beschränken.

Probleme bereitet aber auch der Begriff “Gesundheit”: Was meinen wir damit, wenn wir ein Kind, einen Jugendlichen oder einen Erwachsenen als “gesund” bezeichnen? Wollen wir uns mit körperlicher, psychischer oder seelischer Gesundheit beschäftigen? Mit der letzten Frage tue ich mich etwas leichter: Da ich weder Arzt noch Theologe bin, werde ich mich im folgenden auf psychische Gesundheit beschränken. Hier lassen sich bezüglich der ersten Frage verschiedene Definitionen von “psychischer Gesundheit” unterscheiden:

statistischer Normbegriff:
Bei Verwendung dieser Definition werden dasjenige Verhalten und diejenigen psychischen Zustände als “gesund” bezeichnet, die quantitativ gesehen im mittleren Streuungsbereich eines errechneten Mittel- oder Modalwerts liegen. Hier wird also eigentlich ermittelt, was “normal” ist – dies muß aber nicht gleichzeitig “gesund” sein. Ein hoher Fernsehkonsum ist. für Kinder sicherlich normal, aber wohl weniger ein Zeichen von Gesundheit.

soziokultureller Normbegriff:
Hier gilt eine Person als psychisch gesund, wenn ihr Verhalten den vorherrschenden Werten, Normen und Erwartungen entspricht. Auch diese Definition ist nicht unproblematisch – wir müssen uns nur vergegenwärtigen, welcher Menschentypus im Nationalsozialismus als “gesund” galt.

subjektiver Normbegriff:
Hiermit ist das Idealbild gemeint, nach dem ein Individuum oder die Mitglieder einer Kleingruppe wie der Familie ihr Verhalten und ihren psychischen Zustand beurteilen. Diese Idealbilder sind sehr unterschiedlich, können realistisch oder unerreichbar sein.

klinischer Normbegriff:
Psychotherapeuten, Psychiater und andere Fachkräfte psychosozialer Dienste beschreiben oft “psychische Gesundheit” als Freisein von Symptomen. Bei dieser Definition bleibt aber unberücksichtigt, ob Menschen glücklich oder unzufrieden sind, sich selbst verwirklicht haben oder nicht.

idealistischer Normbegriff:
Wie beim subjektiven Normbegriff wird hier von einem Idealbild ausgegangen, das aber von Fachleuten vertreten wird und auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und klinischen Erfahrungen beruht. Natürlich spielen auch soziokulturelle Normen, persönliche Werte und die eigene Lebenserfahrung eine Rolle.

Ich werde im folgenden diesen idealistischen Normbegriff verwenden. Mit ihm läßt sich ein Bild von einem “gesunden” Menschen zeichnen, das realistisches Denken und emotionale Ausgeglichenheit, ein positives Selbstkonzept und soziale Kompetenz, erfolgreiche Bewältigung von Rollenfunktionen und Fähigkeit zum Konfliktlösen, Zufriedenheit und Lebensfreude umfaßt. Mir scheint ein derartiges “Mensch-Sein” erstrebenswert zu sein.

Die im meinem Vortrag zu beschreibenden Rahmenbedingungen sollten gewährleisten, daß sich Kinder in diese Richtung entwickeln. Das bedeutet, daß ich auch die Rahmenbedingungen unter idealistischen Gesichtspunkten darstellen muß: Nur besonders positive, “gesunde” Lebensumstände dürften eine “gesunde” Entwicklung gewährleisten. So mag manche meiner Aussagen etwas unrealistisch, vielleicht sogar utopisch klingen. Idealbilder lassen sich nur selten ganz verwirklichen. Das sollte uns aber nicht davon abhalten, sie zu formulieren und zu versuchen, sie zumindest annähernd zu realisieren. Auf diese Weise können wir dazu beitragen, daß für die kindliche Entwicklung positive Rahmenbedingungen bekannt und angestrebt werden.

Das Leben eines jeden Kindes wird durch drei Gruppen geprägt: Familie, Bildungseinrichtungen und Gleichaltrigengruppe. Um mein Referat nicht allzu lang werden zu lassen, werde ich mich vor allem mit Familie und Schule befassen. Zunächst werde ich jedoch behandeln, welche Bedürfnisse Kinder haben und inwieweit sie sich von Umweltfaktoren distanzieren können.

Teil 1: Bedürfnisse und kindliche Entwicklung

Für die Befriedigung welcher kindlichen Bedürfnisse sind nun positive Rahmenbedingungen zu schaffen? Mit am intensivsten hat sich der amerikanische Psychologe Maslow mit der Untersuchung von Motivationen beschäftigt. Er geht davon aus, daß menschliche Bedürfnisse in einer Art Hierarchie angeordnet sind. Zuerst müssen die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden, bevor “höhere” Motivationen erscheinen können und deren Platz einnehmen. Maslows Hierarchie beginnt mit physiologischen Bedürfnissen. Dann folgen Sicherheitsbedürfnisse (nach Beständigkeit, Schutz, Angstfreiheit, Überschaubarkeit, Regelhaftigkeit usw.), Bedürfnisse nach Zugehörigkeit und Liebe sowie Bedürfnisse nach Wertschätzung.

An der Spitze der Hierarchie steht das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Während in unserer Gesellschaft die physiologischen Bedürfnisse von Kindern wohl nahezu immer befriedigt werden, sieht es bei den Sicherheitsbedürfnissen schon anders aus. Beispielsweise schreibt der Erziehungswissenschaftler von Hentig (1976): “Die an unverarbeiteten Eindrücken reiche, an Halt, Begründung, verstandener und verantworteter Ordnung arme und vor allem unruhige, friedlose Welt hat ein Bedürfnis nach Verläßlichkeit in den Kindern aufkommen lassen, das alle anderen Bedürfnisse übertrifft” (S. 120, 121). Kinder benötigen feste Ordnungen, Regeln, Routinen und Rituale, da sie sonst die Orientierung verlieren.

Auch die Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Liebe und Wertschätzung werden in vielen Fällen nicht befriedigt. Noch immer werden Kinder vernachlässigt, von ihren Eltern abgelehnt und abgeschoben, erfahren nur wenig Zuneigung und Wärme in ihren Familien, werden nicht anerkannt und an sich akzeptiert. Auch dem Streben nach Aktualisierung aller Fähigkeiten bzw. nach Selbstverwirklichung wird viel Widerstand entgegengesetzt. Kinder müssen sich anpassen, werden belehrt, haben nur wenig Raum für Eigentätigkeit und kreatives Handeln.

Natürlich ist es nie möglich, alle Bedürfnisse von Kindern zu befriedigen – ein gewisses Maß an Frustration ist nicht zu vermeiden. Zudem wachsen Kinder an Belastungen und Problemen, entwickeln neue Fertigkeiten und Kompetenzen in der Auseinandersetzung mit Schwierigkeiten und widrigen Lebensumständen. Nur sehr starke und fortdauernde Frustrationen, z.B. bedingt durch Deprivationserfahrungen, können sich langfristig negativ auswirken.

Zu den wichtigsten Risikofaktoren für die kindliche Entwicklung gehören chronische Disharmonie in der Familie, Kriminalität eines Elternteils, psychische Störungen oder Einsamkeit der Mutter, Einkommenseinbußen, große Familien und sehr wenig Wohnraum sowie schlechte Beziehungen zu Gleichaltrigen.

Inzwischen weiß man, daß selbst solche negativen Einflüsse nicht automatisch zu Entwicklungsstörungen führen – auch wenn sie in den allerersten Lebensjahren auftreten.

Manche Kinder sind nahezu unverwundbar, andere “erholen” sich später aufgrund positiver Erfahrungen: Sie alle wachsen zu psychisch gesunden und zufriedenen Erwachsenen heran.

So wird heute der Kleinkindheit nicht mehr eine so große Bedeutung für die kindliche Entwicklung zugeschrieben wie noch vor einigen Jahren. Auch hat man festgestellt, daß Kinder in unterschiedlichem Maße “verwundbar” sind: Geschlecht, Alter, Persönlichkeitscharakteristika und Umweltfaktoren spielen hier eine Rolle.

Beispielsweise sind Jungen eher als Mädchen verletzlich.

Kinder können negativen Einflüssen besser widerstehen, wenn sie physisch gesund sind, ein positives Selbstbild haben, überdurchschnittliche sprachliche Fertigkeiten besitzen, gute Schulleistungen erbringen, ein nicht geschlechtsspezifisches Verhalten zeigen und fähig sind, positive Reaktionen ihrer zwischenmenschlichen Umwelt hervorzurufen. Kompensatorisch können auch eine intensive Beziehung zu einer primären Bezugsperson (vor allem in der frühen Kindheit) und ein gut ausgebautes Netzwerk wirken. Generell verläuft die kindliche Entwicklung aber unproblematischer bei positiven Rahmenbedingungen, wie sie in den beiden nächsten Teilen dieses Vortrags beschrieben werden.

Quelle: Text des Referats auf der Tagung “Schutz für das geborene Leben” des Franken-Referates der Evangelischen Akademie Tutzing in Heilsbronn am 14.06.1991