Was wir erleben und denken, bleibt nicht kontinuierlich im Bewußtsein. Unser Bewußtsein könnte man mit einer Bühne vergleichen, wo immer wieder Akteure auftreten und wieder abtreten. Im Prinzip kann ein jeder Akteur wiederkommen, er bleibt gleichsam in den Kulissen und wartet auf sein Stichwort. Was im Bewußtsein war, kann bewußtseinsfähig bleiben. Man kann es dann wieder leicht in das Bewußtsein zurückrufen.

Andere Akteure verschwinden, wenn sie die Bühne verlassen haben und können nicht zurückgerufen werden. Sie bleiben nicht im Gedächtnis, sondern werden vergessen. Nur ein Teil dessen, was im Bwußtsein präsent war, wird im Gedächtnis gespeichert, und was im Gedächtnis gespeichert wird, kann immer noch wieder daraus verschwinden. Die Wahrscheinlichkeit, daß man etwas erinnern kann, nimmt so mit der Zeit ab. Sie ist größer, wenn es sich um frühere Gedächtnisinhalte handelt, die als eindrucksvoll erlebt wurden, als wenn es sich aus der Sicht des eigenen Erlebens um Belanglosigkeiten handelt.

In dem Prozeß des Vergessens und sich Erinnerns greift nun die Verdrängung ein. Sie schließt Akteure, die unangenehme Gefühle hervorriefen, als sie auf der Bühne waren, vom Wiederauftreten aus. Aber auch Akteure, auf die das
nicht zutrifft, können vom Wiederauftreten ausgeschlossen werden, wenn ihr Auftreten jetzt unangenehme Gefühle hervorrufen würde. Außerdem können Gedächntnisinhalte ausgeschlossen werden, die eine Verbindung zu etwas gegenwärtig Unangenehmen haben. Zum Beispiel kann es passieren, daß man den Namen eines Menschen nicht erinnert, über den man sich gerade ärgert. Auch kann ein Mensch, mit dem man in der Gegenwart umgeht, ohne daß er
einen Anlaß für unangenehme Gefühle geben würde, eine im aktuellen Kontext belanglose Ähnlichkeit mit einem anderen Menschen haben, der solchen Anlaß bot. Dieser Zusammenhang kann unbewußt bleiben. Dennoch wird er wirksam, und man erinnert den Namen des Menschen nicht, mit dem man in der Gegenwart umgeht.

Manche Gedächtnisinhalte können nicht erinnert werden, obwohl ihr Wiedererscheinen keine unangenehmen Gefühle hervorrufen würde. Das wäre aber in der Vergangenheit, etwas in der Kindheit, der Fall gewesen. So kann ein Erwachsener Wünsche aus dem Bewußtsein ausschließen, die ihm als Kind immer abgeschlagen wurden. Sie führten deshalb zu unangenehmen Gefühlen der Enttäuschung, die durch ein Blockieren dieser Wünsche vermieden wurden. Dem Erwachsenen würden sie aber nicht abgeschlagen. Das Blockieren dieser Wünsche ist also für den Erwachsenen nicht realitätsgerecht, das war es für ihn als Kind. Es gehört zu den zentralen Aufgaben der Erwachsenenpsychotherapie, Blockierungen aufzuheben, die nicht mehr realitätsgerecht sind. In der Regression werden kindliche Wünsche wiederbelebt, und der Erwachsene kann nun lernen, anders mit ihnen umzugehen, als er das in seiner Kindheit getan hat.

Erinnerungen und Wünsche werden nicht nur verdrängt. Es gibt eine ganze Reihe weiterer Abwehrmechanismen, die bewirken, das Erinnerungen und Wünsche nicht ins Bewßtsein treten, zumindest nict in ihrer ursprünglichen Form.

FREUD unterschied Verdrängung, die während der Kindheit stattfindet, und Verdrängung nach dem Modell und im Gefolge dieser “Urverdrängung”. In der Kindheit werden durch die Urverdrängung relevante Inhalte in das Unbewußte verlagert. Inhalte, die ihnen ähnlich sind, fallen auch später der Verdrängung anheim. Man könnte sagen, daß während der Kindheit verdrängter Inhalt jene Inhalte “ansaugt” , die ihm ähnlich sind.

Der Terminus Verdrängung ist in die Alltagssprache übergegangen und hat dabei seine Bedeutung verändert. Wenn
jemand sagt, daß er etwas “verdrängt” , meint er damit, daß Inhalte aus dem Bewußtsein entfernt wurden, um unangenehme Gefühle zu vermeiden.

Unter der Bezeichnung deskriptiv unbewußt faßte FREUD das Unbewußte und das Vorbewußte zusammen. SANDLER und SANDLER er al. (1985) nehmen, wie schon erwähnt , eine Unterteilung in das Infantile Unbewußte und das Gegenwartsunbewußte vor. Das Infantile Unbewußte enthält Erinnerungen und Wünsche der Kindheit in ihrer ursprünglichen, “infantilen” Form. Zwischen dem Infantilen Unbewußten und dem Gegenwartsunbewußten vermuten SANDLER und SANDLER eine erste Abwehrschranke. Wenn Inhalte aus dem infantilen Unbewußten in das Gegenwartsunbewußte vordringen, werden sie dort abgefangen. das besorgt ein zweiter “Zensor”, also eine weitere
Abwehrschranke zwischen dem Gegenwartsunbewußten und dem Bewußten. Bewußtseinsfähige Inhalte läßt der Zensor dann nach einer Überprüfung passieren, andere blockiert er, und wieder andere verändert er unter Einsatz von Abwehrmechanismen so, daß sie oder ihre Abkömmlinge bewußtseinsfähig werden. Das Gegenwartsunbewußte berücksichtigt dabei, allerdings nur teilweise, die Situation des betreffenden Menschen. Dazu gehört, daß eingeschätzt wird, ob ein bestimmter Inhalt in Sicherheit erlebt werden kann. Zum Beispiel enthalten schon die manifesten Inhalte eines Trams, nicht nur die erschließbaren Inhalte, oft mehr aggressives oder sexuelles Material als im Wachzustand in das Bewußtsein zugelassen ürde. Im Schlaf ist eben die Motorik weitgehend ausgeschaltet, so daß zum Beispiel aggresive Phantasien nict unmittelbar umgesetzt werden können, selbst wenn sie einer Person gelten, die sich im gleichen Bett befindet.

Es kann aber geschehen, daß Wünsche und Erinnerungen aus der Kindheit vom Erwachsenen zugelassen werden könnten, zumindest in einer dem Erwachsenen gemäßen Form. Der Zensor des Gegenwartsunbewußten erkennt das aber nicht, und die Wünsche bleiben deshalb blockiert. Das Gegenwartsunbewußte hat dann die Sitation nicht zutreffend
beurteilt.

Abwehrmechanismen von Karl König aus Vandenhoeck & Ruprecht Verlag