Warum ich niemals so werden wollte wie mein Vater und was ich tat um ICH zu sein

Mein Vater glaubte er sei ein schlechter Vater und ließ mich deswegen im Stich. Ich kämpfte um seine Liebe, aber die bekam ich nicht. Ich dachte also auch ich sei schlecht oder sogar schlechter als er, hätte er mich sonst so lange verdrängt? Jetzt habe ich erkannt, dass die Gedanken und Gefühle meines Vaters in Bezug auf sich und seine Taten als Mann nichts mit mir und meinen Qualitäten als Sohn zu tun haben. Das zu erkennen, dauerte seine Zeit. Aber jetzt endlich, hat es sich für mich gezeigt. Ich bin gut so wie ich bin. Sein Beitrag war ein guter, denn Mamis Junge ist gut geworden.

Mein Vater war ein Spieler. Und er hat gesoffen wie ein Penner. Drei Ehen setzte er in den Sand. Mittlerweile fährt er Motorrad und ist bei den Hells Angels. Er definiert sich sehr über sein Ego. So nehme ich ihn zumindest wahr. Sein Ego ist sehr groß. Wenn er traurig ist, betrinkt er sich. Er lässt kaum tiefe Einblicke in sein Innerestes zu. WUT und Verachtung ist das, was ich von ihm kenne und seine Rechthaberei. Über seinen Vater verliert er kein gutes Wort. Da muss echt viel passiert sein, was ihn zu dem gemacht hat, was er jetzt selbst über sich denkt. Lange Zeit verleugnete er jeden. Er lehnte jeglichen Kontakt zu jedem ab. Ich litt sehr darunter. Ich fühlte mich von ihm im Stich gelassen. Aber jetzt ziehe ich einen Schlussstrich, denn ich bin es mir wert. Ich habe durchaus Mitgefühl mit ihm, aber ich habe eben auch Mitgefühl für mich, weswegen ich mich entschieden habe damit abzuschließen.

Ich weiß, dass er eine ungünstige Kindheit hatte. Ich weiß auch wie sehr er darunter litt, dass er meiner Großmutter zuliebe seine Lederjacke auszog und seinen Ohrring abnahm, nur damit er meine Mutter heiraten durfte und ich weiß auch, dass er immer nur ein guter Vater sein wollte, zumindest ein besserer Vater, als sein Vater einer für ihn war. Leider war sein Selbstbild ihm im Weg. Er dachte er sei schlecht und auch wenn er es mit Sicherheit niemals wollte, verhielt er sich entsprechend. Er verhielt sich wie ein schlechter Vater.

Mein Vater glaubte er sei ein schlechter Mensch und nichts was er täte war gut genug. Er hielt sich für einen jämmerlichen Versager, wie er mir irgendwann mal mitteilte. Und er schämte sich so sehr so zu sein, wie er ist. Er kam einfach nicht aus seiner Haut heraus. Es ging nicht.
Ich kämpfte um seine Liebe, schrieb ihm Briefe und betete zu Gott, dass er sich endlich wieder bei mir meldet. Einmal meldete er sich, aber nach einem halben Jahr brach der Kontakt vollends ab. Er gab mir das Gefühl, dass ich ihm scheiß egal sei. Dabei bin ich doch sein Sohn. Ich habe viel geweint und mich gefragt was an mir so verkehrt sei, dass er nicht einmal Interesse für mich zeigte. Er ist doch mein Vater. Okay, ich hatte noch meinen Stiefvater, aber um den soll es hier nicht gehen.

Ich war neulich bei einer Familienaufstellung. Da ploppte das Thema bei mir auf und ich wusste, jetzt ist es Zeit, das Vater-Trauma für mich zu klären. Ich schrieb ihm eine SMS und bat um ein Gespräch. Leider fühlte er sich wieder angegriffen und beleidigte mich teilweise sehr übel. Er schrieb z.b: dass ich ein Retortenbaby sei, was in einem Reagenzglas gezeugt wurde. Das zu lesen versetzte mir einen tiefen Stich, es erinnerte mich auch noch an all das, was ich teilweise getan habe in meinen Beziehungen zu Frauen um mich geliebt zu fühlen.

Ich wollte immer besser sein, als mein Vater; vermutlich habe ich mir deswegen auch Frauen gesucht, die mich an meine Mutter erinnern, nur um es besser zu machen als er. Aber ich war am Ende genauso. Ich war immer anderer Meinung, man könnte es mir nie recht machen, aber ich selber konnte es auch niemals anderen recht machen. Mir war mein Ego im Weg, genauso wie sein Ego ihm im Weg war. Nichts war mir gut genug. Ich suchte mir Leute aus, genauso wie er, die mich in dem bestätigten, wie ich zu sein glaubte. Ich dachte immer, ich sei schlecht, deswegen muss auch alles getan werden, damit ich die Bestätigung bekomme gut zu sein. Ich opferte mich also in all meinen Beziehungen auf, war aber selten zufrieden mit dem Endergebnis. Ich dachte immer, es geht immer besser. Gut war mir niemals gut genug.

Ich sehe das auch im sozialen Netzwerk. Wer zufrieden ist, wird als Narzisst betitelt, wer aber noch besser sein will, als alle anderen, dem widerfährt dasselbe Schicksal. Selbstverliebtes, egoistisches, empathieloses Etwas. Traurig 🙁

In jedem zweiten Beitrag den ich lese, lese ich davon, dass „Wir“ was verändern müssen, weil es so, wie es läuft nicht weiter gehen kann. Ein einzelner fordert etwas von den anderen und wer diese Forderung nicht erfüllt, soll ein schlechter Mensch sein. Veganer gegen Fleischesser, AFD gegen linksgrünversifft und Männer gegen Frauen. Ich bin nicht gut genug. Niemand anders ist gut genug. Ich bin schlecht, also sind die anderen auch schlecht. Dieser Kreislauf ist ein Dauerlauf den niemand gewinnen kann, weil man ja dauernd in Bewegung sein muss, zumindest fühlt sich das so an. Das alles stimmt mich sehr traurig. Ich frage mich ob es diesen Menschen genauso geht, wie mir oder wie meinem Vater. Sind wir alle nur dann gut, wenn andere es uns bestätigen, unsere Meinung teilen und uns Applaus spenden?

In Beziehungen dauernd das Gefühl haben, dass irgend etwas fehlt, dass es noch besser geht und dass die anderen glücklicher sein müssen, als man selbst, fühlt sich genauso beschämend an, wie die Vermutung dass all das beschriebene mit einem Selbst zu tun hat. Dem ist aber nicht so. Denn nur weil die anderen das sagen, heißt es nicht, dass ich das glauben muss. Und nur weil mein Vater der Meinung war, muss ich nicht derselben Meinung sein. Ich bin anders als mein Vater und mir geht’s verdammt gut damit.

Ich denke jeder hat schon mal den Spruch gelesen oder selber ausgesprochen „Du hast was besseres verdient als mich“

Ich kenne das aus anderen Beziehungen, von Artikeln und aus meiner Coachingpraxis. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen und Bedürfnisse, die der andere aber erfüllen muss, weil er sonst schlecht ist, oder eben nicht gut genug, gut genug für den Partnern und am Ende auch nicht gut genug für sich selbst. Dabei geht es IMMER NUR um einen selbst und niemals um den anderen.
Jeder ist seines eigenen Glücks Schmied. Mein Vater ist für sein Glück verantwortlich und ich bin für mein eigenes Glück verantwortlich. Und meine Partnerin ist es ebenso. Abhängigkeit ist einfach nur großer Scheißdreck. Sich nicht sicher zu sein, ist für viele auch der Grund warum sie immer wieder nach neuen Bestätigungsdienstleistern suchen. Wenn sie befürchten verlassen zu werden, suchen sie schon heimlich nach einer neuen Quelle. So war ich auch mal. Aber so bin ich JETZT nicht mehr.

Dazu kommt, dass jeder sein Glück anders definiert. Jeder findet etwas anderes schön. Jeder hat eigene Interessen, einen eigenen Musikgeschmack, eigene Vorlieben und oft auch eine eigene Wahrheit, zumeist auch ausgelöst durch etwas, was ebenso nur mit einem SELBST zu tun hat. Und wenn es dem anderen (ob jetzt Vater oder Partner) deswegen schlecht ergeht, dann ist dieser dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, dass es ihm selber wieder gut geht. Schuldsuggestionen sind da vollkommen fehl am Platz.

Mein Vater war immer gegen mein Buch. Er hatte Angst dadurch seinen Job zu verlieren. Jetzt wo das Buch erschienen ist, glaubte er, er müsse mir ein schlechtes Gewissen machen, indem er meinte mir vorzulügen, wie schlecht es ihm nun gehe, dass er seinen Job verloren habe und keine Wohnung mehr habe. Ihm geht’s schlecht und deswegen muss es allen anderen auch schlecht gehen. Nur ich kann nichts für seine Kindheit. Ich kann nichts für seine Verletzungen. Ich bin also der falsche Ansprechpartner wenn es darum geht, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten. Ich bin nur für meine Vergangenheit verantwortlich.

Und so beziehe ich das auch auf Beziehungen. Meine Freundin kann mich um Hilfe bitten. Ich helfe ihr gerne, aber den Weg gehen, den muss sie. Ich kann nicht ihre Lasten tragen. Ich kann nur sagen, „Baby, ich bin für dich da, wenn du mich gerade brauchst“, wobei brauchen ja auch wieder eine Form von Abhängigkeit wäre. Ich würde also eher meinen, Baby ich bin gerne für mich dich da, wenn du meine Hilfe willst. Ich helfe dir so, wie ich es kann und du darfst mir auch helfen, wenn du willst auf deine eigene Art und Weise.

Ich habe jetzt also schlussendlich festgestellt, dass ich nicht für die Kindheit meines Vaters verantwortlich bin, ebenso wenig wie er damit umgeht. Er ist aber genauso wenig dafür verantwortlich, wie ich mit meinen erlittenen Schäden meiner Kindheit umgehe. Das ist meine Aufgabe. Trotzdem halte ich ihn nach wie vor für einen guten Vater. Er gab sein Bestes. Er war in meinen Augen gut genug. Er war anderer Meinung bzw. ist es immer noch. Er glaubt, wenn er mehr getan hätte, wäre aus mir etwas anderes geworden als ein Coach und Autor. Er hasst meine philosophisch, esoterisch angehauchten Texte, wie er mir kürzlich schrieb. Nur das löst nichts bei mir aus, weil ich mich gut genug finde dafür. Ja, ich mag mich wie ich bin, auch gerade weil ich so tolle Texte schreibe, es ist meine Verantwortung mit dieser Gabe umzugehen. Ich denke, das mache ich ganz gut.

Und damit hat er ja das Ziel, was er insgeheim verfolgte durchaus erreicht. Er wollte dass ich ein selbstständiger Mensch werde. Und er wollte, dass ich glücklich bin, davon gehe ich mittlerweile aus. Und genau das habe ich geschafft. Ich habe es zwar nicht so geschafft wie er sich das vorgestellt hat, aber darum geht es ja auch nicht. Und auch in meiner neuen Beziehung erlebe ich gerade diese neue Form der Freiheit. Wir beide sind glücklich. Wir brauchen uns zwar nicht unbedingt, aber wir sind total gerne zusammen, weil wir einander lieb haben und zwar jeder auf seine eigene Art und Weise und das ist wirklich wundervoll so.

Text von Leonard Anders
www.leonard-anders.de