Seelisch Kranken wird gerne unterstellt, dass sie nicht nur unter ihrer Störung zu leiden haben, sondern auch nichts mehr zu leisten vermögen. Tragischerweise glauben sie auch noch selber am meisten an diesen Irrtum. Doch das ist ein Fehler. Zwar sind viele Patienten – je nach Schweregrad – erheblich beeinträchtigt, was Lebensqualität und vor allem Leistungsfähigkeit anbelangt. Doch Großes ist dennoch möglich, wie zahllose Betroffene beweisen, bis hin zu Hochbegabten oder gar Genies.

“Seelisch Kranke gehen durch eine andere Türe wie körperlich Kranke”, lautet eine alte und für die Betroffenen durchaus bittere Erkenntnis. Doch dies liegt nicht zuletzt an den nach wie vor stereotypen Vorstellungen meist negativer Prägung, die man noch immer in der Allgemeinheit hat.

Dabei mag sich manches gebessert haben, vor allem unter dem Druck einer wachsenden Zahl Betroffener: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) spricht nach ihren neuesten Untersuchungen davon, dass in der westlichen Welt etwa jeder Vierte (unter Einschluss einzelner Symptome sogar jeder Dritte) irgendwann in seinem Leben unter einer seelischen Störung zu leiden hat. Das sind rund 20 Millionen Bundesbürger und mehrere 100 Millionen (man vermutet 1,2 Milliarden) auf dieser Erde.

Und dennoch irritiert unverändert eine geradezu Besorgnis-erregende Unkenntnis in unserer Zeit und Gesellschaft. Der Kasten zeigt einige Antworten auf eine Umfrage im Jahre 2002 von den Studierenden einer Fachhochschule an einem unausgelesenen Kollektiv von Passanten einer mittelgroßen Kreisstadt erhoben, zwar nicht repräsentativ, aber erfahrungsgemäß nicht wesentlich von der Realität abweichend (weil die meisten Befragten ohnehin sozial “geschönte” Antworten bevorzugen, wer will sich schon einer diskriminierenden Einstellung verdächtigen lassen).

Umfrage zum Thema Psychiatrie und Gesellschaft

Frage:
Welcher Randgruppe in unserer Gesellschaft würden Sie am ehesten helfen, wenn Sie dazu die Mittel hätten?

Antwort:
Pflegebedürftigen alten Menschen (jeder Zweite), geistig Behinderten (jeder Vierte), psychisch Kranken (jeder Fünfte), Asylbewerber und Straftäter (Rest-Antworten).

Frage:
Haben Sie schon persönliche Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen gemacht?

Antwort:
keine (jeder Zweite), positive (zwei Drittel), negative (jeder Fünfte).

Frage:
Haben Sie schon Erfahrungen mit psychischen Institutionen gemacht?

Antwort:
keine (zwei Drittel), eher positive (ein Drittel), eher negative (jeder Zehnte).

Frage:
Nennen Sie bitte eine psychiatrische Erkrankung, die Sie kennen.

Antwort:
Schizophrenie und Depression (jeweils 40%), neurotische, psychosomatisch interpretierbare und organische Leiden, Persönlichkeitsstörungen sowie Suchtkrankheiten und Verhaltensauffälligkeiten (Rest-Antworten).

Das Meinungsbild zu Psychiatrie und seelischer Störung:

Die Mehrzahl der Befragten ist der Meinung, dass
– jeder Mensch psychisch krank werden kann
– psychisch Kranke häufig unberechenbar sind
– in psychiatrischen Kliniken Patienten häufig nur medikamentös ruhig gestellt werden
– psychisch Kranke ein höheres Selbstmordrisiko haben als die Durchschnittsbevölkerung

Kommentar:

Der Anteil psychiatrie-kritischer Stimmen dürfte in der Allgemeinbevölkerung höher liegen als in den hier ermittelten Werten. Geschlechtsunterschiede ergab es nicht. Die Vorurteile gegenüber psychiatrischen Einrichtungen scheinen stärker zu sein als gegenüber psychischen Erkrankungen.

Letztlich aber gilt: Wer Vorurteile gegenüber der Psychiatrie im Allgemeinen hat, der hat sie in den meisten Fällen auch gegenüber psychiatrischen Kliniken und letztlich psychischen Erkrankungen bzw. Betroffenen. Diese (Vor-)Urteile sind offensichtlich erfahrungsabhängig: Wer schon positive Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen gemacht hat, neigt zu weniger Stigmatisierung als jene mit negativen Erfahrungen. Das ist keine Überraschung. Doch jene Befragten, die noch keinerlei Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen gemacht haben, und das ist die Mehrzahl, sind fast genauso ablehnend eingestellt wie jene mit negativen Erfahrungen. Das gibt zu denken. Ähnliches gilt für die Einstellung gegenüber psychiatrischen Institutionen.

Quelle: Auszug aus einer Umfrage der Studierenden für Sozialpädagogik an der Fachhochschule Weingarten 2002, vorgestellt auf einem Diskussions-Forum im September 2002

Gründe der Stigmatisierung

Zwei Aspekte sind es, die am meisten Unheil anzurichten scheinen:

– Zum einen der Irrtum, seelisch krank sei gleich geisteskrank (in der Allgemeinheit die ausgeprägteste Negativ-Form seelischen Leidens).

– Zum anderen: Seelisch Kranke kann man sofort (nämlich als Geistesgestörte) erkennen.

So nimmt es nicht Wunder, dass sich die rund 20 Millionen Bundesbürger und ein Vielfaches davon in der westlichen Welt nicht trauen, über ihre seelische Störung zu reden, fürchten sie doch, gleich als Geisteskranker abgestempelt zu werden.

Das heißt aber auch, dass man deshalb keinen Arzt aufsucht und damit viel zu spät, wenn überhaupt, eine richtige Diagnose und adäquate Therapie bekommt. Die Folgen sind bekannt, wobei der Einbruch von Lebensqualität und Leistungsfähigkeit noch eher “harmlos” ist. Meist drohen aber erhebliche Defizite im seelischen, körperlichen und vor allem psychosozialen Bereich (Partnerschaft, Familie, Freundeskreis, Nachbarschaft, Arbeitsplatz u.a.).

Krank und dennoch leistungsfähig?

Nun ist ein wichtiger Faktor im Leben das Beispiel, im Guten wie im Schlechten. Das Beispiel ist vermutlich das Wirkungsvollste überhaupt. Und so ist es auch mit den seelischen Störungen. Aber kann man hier überhaupt von einem guten Beispiel sprechen?

Krankheiten sind charakterisiert durch ihr Beschwerdebild, ihre Ursachen und ihren Verlauf einschließlich Heilungsaussichten. Beim Beschwerdebild, also im seelischen Bereich Schwermut, Angst, Wahn, Sinnestäuschung, Verwirrtheit sowie in körperlicher Hinsicht Beeinträchtigungen von Herz-Kreislauf, Atmung, Magen-Darm, Wirbelsäule und Gelenken, Potenz u.a. kann man sich eigentlich kaum vorstellen, dass sich dies nicht auf die Leistungsfähigkeit auswirkt, von den übrigen Beeinträchtigungen ganz zu schweigen. Dies gilt für die meisten organischen Krankheiten – und für seelische Störungen zweimal.

Also schneiden psychisch Kranke, die ohnehin durch eine Vielzahl von Vorurteilen belastet sind (s. o.), auch hier doppelt schlecht ab. Selbst die Nachsichtigen, Wohlwollenden und Hilfsbereiten unter den gesunden Mitbürgern können sich kaum vorstellen, dass ein Mensch, der von einem solchen Leiden absorbiert ist, noch zu jener Leistung findet, für die er vielleicht geboren, ausgebildet und in gesunden Tagen fähig wäre. Oder um es auf ein drastisches Zitat zu verkürzen: “Wer spinnt, bringt nichts mehr auf die Füße”.

Nun ist auch dieses Vorurteil auf den ersten Blick so einleuchtend, vor allem aber bequem, dass es kein Mensch in Frage stellt. Und genau das ist so falsch wie verhängnisvoll.

Man mache sich nur einmal die Mühe und gehe die so genannten Genies durch. Dabei muss es nicht unbedingt gleich das höchste Niveau sein, es reicht auch einige Stufen darunter. Doch der Mensch lebt nun einmal von Schlagwörtern und plakativen Beispielen – und hier ist das Genie ein guter Aufhänger.

Was ist ein Genie?

Genie, französisch, kommt vom lateinischen genius, dem Schutzgeist eines jeden Menschen. Laut dem Großen Brockhaus, dem wohl renommiertesten Lexikon deutscher Sprache, handelt es sich hier um Auserwählte von schöpferischer Begabung, die – beispielsweise im Unterschied zum Talent – nicht nur im Rahmen des Überkommenen Besonderes leisten, sondern neue Bereiche erschließen und in ihnen Höchstleistungen hervorbringen. Eine exakte Definition scheint aber nicht möglich.

Auf jeden Fall gibt es Genies nicht nur im musischen und denkerischen Schaffen, sondern auch auf vielen Gebieten der praktischen Wirksamkeit wie Technik, Organisation, staatsmännisches Handeln, Kriegführung usw.

Genie und seelische Störung

Nun wird aber das Genie – so der Brockhaus weiter – häufig von seinen Zeitgenossen nicht verstanden, obwohl es starke geschichtliche Wirkungen auslösen kann und als die höchste Steigerung des Schöpferischen erscheint. Und dann spricht der Brockhaus von etwas, was offenbar mit dem Genie nicht selten zusammenhängt, selbst wenn es nicht ins Krankhafte hineinreicht. Dort heißt es nämlich: Mit der Steigerung der schöpferischen Kräfte und ihrer Konzentration auf einen bestimmten Schaffensbereich gehen zuweilen Ausfälle in anderen Bereichen des persönlichen Lebens einher, oft auch erhöhte Leidensfähigkeit bis zu psychopathischen (gemeint sind wahrscheinlich psychopathologische, also seelisch-krankhafte) Zügen.

Seit der Antike – so der Brockhaus weiter – wurde also immer wieder ein Zusammenhang von Genie und Wahnsinn postuliert, auch wenn der Beweis oft einseitig ausgewählt und interpretiert worden ist. Vor allem darf man nicht vergessen, dass der Begriff Genie und insbesondere der Genie-Kult etwas ist, was vom jeweiligen Zeitgeist geprägt wird – von der Vollendung des Menschen bis zum Krankhaften.

Genies mit einer Psychose

Wenn es um die Frage “Genie und Wahnsinn” geht, wie man das früher am direktesten zu umschreiben pflegte, dann fallen vor allem Namen wie F. Nietzsche, F. Hölderlin, R. Schumann, V. van Gogh u.a. Sie gehören tatsächlich zu jenen Genies, denen man eine Psychose, eine Geisteskrankheit nachsagt. Doch die Psychosen zählen inzwischen zu den eher seltenen seelischen Störungen, gemessen an den 20 bis mehr als 30% Betroffenen, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) für die westlichen Nationen als seelisch belastet errechnet hat. So spricht man beispielsweise von 1% schizophrener Psychosen. Das sind im deutschsprachigen Bereich rund 1 Million, weltweit etwa 60 Millionen Schizophrenie-Erfahrene. Im Verhältnis zu den Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen, Persönlichkeitsstörungen und – in Zukunft mehr denn je – Altersleiden, vor allem der Demenz, sind die Psychose-Erkrankten tatsächlich ein geringer Prozentsatz. Allerdings gelten sie nach wie vor als die seelischen Störungen schlechthin, zumindest bis heute und vor allem in Laienkreisen, was zwar nicht der Realität entspricht, aber (leider) das Gesamtbild prägt.

Pathographien

So war auch das Interesse an körperlich und vor allem seelisch erkrankten Hochbegabten oder gar Genies seit jeher rege. Deshalb ist die entsprechende Literatur, die so genannten Pathographien, d.h. die Biographien (Lebensschilderungen) von Menschen mit einer ernsteren Erkrankung fast nicht mehr übersehbar.

Das ging auch Professor Dr. Wilhelm Lange-Eichbaum im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts so, der für sein damals fast sensationelles Buch den provokanten Titel wählte: Genie, Irrsinn und Ruhm. Seine Arbeit war aber wissenschaftlich fundiert und schaffte ein solides Fundament für die früher schon weit verbreitete und oft auch modisch überzogene Genie-Forschung. Immerhin beschäftigten sich auch so anerkannte Wissenschaftler wie die psychiatrischen Professoren E. Kretschmer, K. Birnbaum und K. Jaspers (der später zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen Philosophen wurde) mit diesem Thema, wenngleich sie sich kaum mit der Fleißarbeit von Lange-Eichbaum messen konnten.

Heute wird dessen Werk durch andere Wissenschaftler überarbeitet und ist inzwischen auf 11 Bände angewachsen, unterteilt in Komponisten, Maler und Bildhauer, Dichter und Schriftsteller, religiöse Führer, Philosophen und Denker, Politiker und Feldherrn, Wissenschaftler und Forscher, Erfinder und Entdecker, Revolutionäre und Sozialreformer u.a. Kontrovers diskutiert wird es zwar nach wie vor, aber nicht nur dieses Sammelwerk, sondern letztlich alle Pathographien, weil diese Form der Forschung natürlich so manche Illusionen zerstört.

Wenn man nun die zahlreichen Biographien überfliegt, dann versteht man die Bemerkung im Brockhaus, verkürzt zitiert, dass den kranken Genies “sehr viele gesunde Genies gegenüberstehen.” Ein solcher Satz wäre eigentlich unnötig und findet sich auch sonst kaum in der Definition entsprechender Begriffe, wenn nicht tatsächlich eine erstaunlich große Zahl von betroffenen Genies diese “Korrektur” erzwingen würde.

Dem Psychiater, der versucht seinen Patienten Scham, Kummer, Minderwertigkeitsgefühle usw. zu nehmen, indem er auf die große Zahl bedeutender Mitbetroffener verweist, kommt dies natürlich gelegen. Gibt es ihm doch die Möglichkeit, die alte Erkenntnis in Erinnerung zu rufen,

dass seelische Störungen zwar eine große Last sein können, doch ist und bleibt man trotzdem ein vollwertiges Mitglied seiner Gesellschaft. Und man kann nicht nur den durchschnittlichen Forderungen genügen, sondern sogar Überdurchschnittliches, wenn nicht gar Geniales leisten.

Wenn man es übertreiben wollte, könnte man dies sogar als eine durchaus illustre Gesellschaft bezeichnen, in die man im Rahmen seiner seelischen Störungen hineingeraten ist.

Genie und Gemütsstörungen

Wir bleiben aber auf dem Boden und greifen nur einige Beispiele heraus. Und zwar zum einen einen bestimmten Kreis von seelischen Krankheiten, nämlich die in letzter Zeit am stärksten gewachsenen, die so genannten affektiven Störungen. Dazu gehören heutige wie frühere Begriffe im Sinne von Depression, Melancholie, Schwermut, aber auch das Gegenstück, die krankhafte Hochstimmung, die Manie, die Mischung von beiden, nämlich manisch-depressive Erkrankungen oder Psychosen sowie zahlreiche ältere Fachbegriffe, die früher Ähnliches umschrieben (z.B. zyklothym, zykloid). Vergleichbares gilt auch für die große Zahl von Angststörungen, die über das hinausgehen, was man als angepasste Furcht im Alltag bezeichnen kann, vor allem wenn sie durch schwermütige Resignation zusätzlich belasten.

Zum anderen seien aus jeder Disziplin nur einige wenige Beispiele seelisch erkrankter Komponisten, Maler, Dichter, Philosophen, Politiker, Wissenschaftlicher u.a. genannt. Im Kasten findet sich eine Aufzählung jener Namen mit affektiven, also Gemütsstörungen, wie sie allein in dem 11-bändigen Werk Genie, Irrsinn und Ruhm von 1985 bis 1996 aufgeführt sind.

Persönlichkeiten der Zeitgeschichte, die an affektiven Störungen gelitten haben sollen

Komponisten

Die Komponisten sind bei den Gemütsstörungen häufig anzutreffen. Hier findet man Namen wie Bartok, Beethoven, Brahms, Bruckner, Chopin, Händel, Hindemith, Liszt, Mozart, Schubert, Schumann, Wagner u.a.

Maler und Bildhauer

Auch die Maler und Bildhauer sind nicht nur durch van Gogh und Caspar David Friedrich, sondern auch durch Dürer, Holbein d. J., Picasso, Rembrandt, Leonardo da Vinci usw. vertreten.

Dichter und Schriftsteller

Die Dichter und Schriftsteller sind zahlenmäßig am stärksten betroffen. Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass sie sich durch ihre schriftlichen Werke am offensten, also auch ungeschütztesten offenbaren. Wenn man nur die bekanntesten Namen herauszieht, dann findet man – zum Teil doch überraschend, wenngleich nur auf den ersten Blick – Goethe, Lessing, Schiller, Shakespeare usw., ohne auf die bekannten Depressionen von Baudelaire, Heine, Hölderlin usw. einzugehen. Und man findet nicht selten sogar Humoristen darunter (z.B. Wilhelm Busch), die zwar anderen Menschen viel Freude und Vergnügen bereiten, von dunklen Gedanken aber selber nicht verschont blieben (eine Erkenntnis, die auch von Humoristen unserer Zeit bestätigt wird).

Religiöse Persönlichkeiten

Die religiösen Persönlichkeiten jeglicher Konfession sind zwar eine kleine Gruppe, von Franz von Assisi über Sören Kierkegaard und Martin Luther bis zur Theresa von Avila. Sie dürfte aber in Wirklichkeit viel größer gewesen sein, beginnend im Alten Testament über das Neue Testament bis in unsere Zeit. Dabei pflegt es – selbst in unserem aufgeklärten Jahrhundert – für die pathographisch interessierten Wissenschaftler nicht ganz risikolos zu sein, den einen oder anderen religiösen Führer aus früherer oder heutiger Zeit als psychisch krank, zumindest aber anfällig zu bezeichnen, weshalb sich dort Forschung und vor allem öffentliche Dokumentation dieser Untersuchungsergebnisse eher bedeckt zu halten pflegen. Die jüngere Geschichte einschließlich Mord-Drohungen gibt ihnen recht.

Philosophen und Denker

Dass auch nicht wenige Philosophen und große Denker Gemütsprobleme hatten, ist einleuchtend, obgleich man es kaum rational begründen kann (sinngemäß: “Wer über seine Zeit nicht den Verstand verliert, der hat gar keinen…”). Bekannte Namen sind beispielsweise Immanuel Kant, Karl Marx, Jean Paul Sartre, Arthur Schopenhauer, der geistvolle Spötter Voltaire (was ja nicht selten ist, dass jemand seine schwermütige Grundeinstellung durch Ironie, Sarkasmus oder gar Zynismus zu kompensieren versucht, siehe auch Heinrich Heine) usw.

Eine besonders eindrucksvolle Schilderung einer Depression verdanken wir dem Theologen und Philosophen Romano Guardini, der auch den nicht ganz abwegigen Satz prägte: “Die Depression ist viel zu schwerwiegend, als dass man sie nur den Psychiatern überlassen dürfte…”.

Könige, Politiker und Feldherrn

Machtvolle Herrscher, Politiker oder gar militärische Führer sind zwar (Berufs-) Sparten, bei denen man sich am wenigsten seelische Beeinträchtigungen vorstellen kann, vor allem wenn es sich um geniale Führerpersönlichkeiten handelte. Doch auch sie sind nicht gegen seelische Störungen gefeit, wie die zahlreichen Beispiele von König Saul im Alten Testament bis Winston S. Churchill zeigen, von zeitgenössischen Betroffenen ganz zu schweigen (siehe auch das Kapitel über “Macht und seelische Störungen” mit Beispielen aus der jüngeren Geschichte).

Aber auch sonst finden sich durchaus illustre Namen: Bismarck, Blücher (mit einer geradezu abenteuerlichen Pathographie), den zusätzlich epilepsie-kranken Caesar, den Schwedenkönig Gustav II. Adolf, Heinrich den VIII., den Sonnenkönig Ludwig den XIV., Kaiserin Maria-Theresia, Metternich, Nelson, Peter I., den Großen, Richelieu, Talleyrand usw.

Wer sich übrigens für das Thema Macht und seelische Störungen interessiert und dies mit Beispielen aus früherer und neuerer Zeit, dem sei das gleichnamige Kapitel in der hiesigen Serie Psychiatrie heute empfohlen.

Wissenschaftlicher und Entdecker

Bei den Forscher- und Erfinder-Persönlichkeiten kann man sich Gemütsstörungen wieder eher vorstellen. Allzu viel Beispiele sind allerdings nicht namhaft geworden. Wissenschaftler stehen in der Regel nicht im Rampenlicht, doch einige von ihnen scheinen sich tatsächlich seelisch schwer getan zu haben: Charles Darwin, Sigmund Freud (der in seine Psychoanalyse so manche Eigenerfahrung einbringen konnte oder musste), Galilei, Keppler, Linné (der berühmte Park-Gestalter, wobei schon früher bekannt war, dass Gartenarbeit gemütsmäßig besonders ausgleichend, ja antidepressiv wirkt), Mendel, Semmelweis, Edison, Alexander von Humboldt u.a.

Revolutionäre und Sozialreformer

Übrig bleiben die Persönlichkeiten, die ihre jeweilige Epoche und Gesellschaft sozialreformerisch, wenn nicht gar revolutionär geprägt haben. Da wundert es schon, dass so “harte Revolutionäre” wie Danton und Robespierre aus der französischen Revolution auch ihre seelischen Nöte gehabt haben sollen (bzw. es wundert uns nicht), aber auch Henry Dunant und Johann Heinrich Pestalozzi, die aufgrund mannigfacher persönlicher Erfahrungen ihre großen karitativen Werke in Angriff nahmen.

Wodurch helfen uns seelisch kranke Genies?

Man kann die Pathographien berühmter Frauen und Männer aus verschiedenen Gründen studieren: wissenschaftliches Interesse, Neugier, Schadenfreude, Trost, Ermunterung u.a. Für den Psychiater sind sie auf jeden Fall eine gute Argumentierhilfe. Denn man kann offenbar Großes leisten, obgleich man mit seiner seelischen Krankheit vom Schicksal schwer beeinträchtigt wurde.

Deshalb sind wir auch allen Menschen dankbar, die ihre Krankheit, vor allem aber ihr seelisches Leiden bewundernswert durchstehen, weil sie damit anderen ein Beispiel geben, Trost und Hoffnung vermitteln. Wir sind besonders den seelisch belasteten Genies dankbar, nicht nur für ihre überragenden Leistungen, sondern weil sie Großes geschaffen haben trotz ihrer psychischen Beeinträchtigung – und zwar über Generationen hinweg und ohne die heute verfügbaren therapeutischen Möglichkeiten.

Literatur

Zahlreiche Pathographien von früher bis heute, teils wissenschaftlich, teils populärmedizinisch, erarbeitet von Forschern aus verschiedenen Disziplinen (Psychiatrie, Psychologie, Soziologie, Theologie, Philosophie, Geschichtskunde, Militär- oder Wehrpsychiatrie u.a.).

Nachfolgend lediglich ein Hinweis auf das erwähnte Standardwerk in 11 Bänden:

Lange-Eichbauch, W., W. Kurth: Genie, Irrsinn und Ruhm. Ernst Reinhardt-Verlag, München-Basel. Band 1 bis 11, 1986 bis 1996

Quelle: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychohygiene/genie.html