Bei der Projektion werden psychische Inhalte, vor allem Affekte, Stimmungen und Impulse, aber auch Bewertungen anderen Personen zugeschrieben. Dabei handelt es sich um Inhalte des Selbst, wie sie in ihren bewußten und unbewußten Anteilen im Ich in der Selbstrepräsentanz auftreten. Man kann aber auch sagen, daß Ich, Über -Ich und Es gemeinsam das Selbst darstellen, wobei in der Selbstrepräsentanz Erleben, Verhalten und Körperschema dargestellt sind.

In der Objektbeziehungstheorie (auch MEISSNER 1978) wird der Terminus Projektion oft in einem weiteren Sinn verwendet. Objektrepräsentanzen werden als Teil der inneren Welt und damit des Selbst aufgefaßt. Also können sie projeziert werden. Mit anderen Worten: Externalisierungen der Repräsentanzen innerer Objekte, die mit der Selbstrepräsentanz in einer Beziehung stehen und im Ich zusammen mit der Selbstrepräsentanz einen Ort haben, wo sie sich darstellen, werden ebenso wie Externalisierungen von Bestandteilen der Selbstrepräsentanz als Projektion bezeichnet.

Diese Definition ermöglicht es, von Projektion zu sprechen, wenn ein Mensch eine reale Person in der Außenwelt seiner inneren Objektpräsentanzen ähnlich oder gleich sehen will.

Ein Motiv der Projektion ist, etwas aus der inneren Welt zu entfernen, weil es an einen inneren Konflikt beteiligt ist. Zum Beispiel projeziert jemand seine eigenen aggressiven Stimmnungen, Affekte und Impulse, weil er sich nicht aggressiv erleben möchte, auf andere. Auch Objekte oder Aspekte von Objekten, ebenso Aspekte der InstanzenEs, Ich-Ideal und Über-Ich, können auf reale Personen projeziert werden, weil es leichter ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie durch eine Außenperson repräsentiert sind, als wenn gleichsam ein Konflikt “im eigenen Land” ausgetragen werden muß.

Das Motiv kann aber auch sein, Vertrautheit herzustellen. Man möchte den anderen ähnlich erleben, wie man sich selbst erlebt. In diesem Fall werden nicht Affekte, Stimmungen und Impulse unbewußt gehalten und einer anderen Person zugeschrieben, sondern Stimmnugen, Affekte und Impulse, die man von sich kennt, werden im anderen vermutet. Das erzeugt
ein Gefühl der Vertrautheit und Familiarität(KÖNIG 1982).
Eine solche Projektion erleichtert auch die Kommunikation – man versteht sich mit dem anderen, weil er ähnlich ist wie man selbst. Gefühle der Vertrautheit werden aber auch hergestellt, wenn man im Anderen scheinbar ein Objekt wiederfindet, das man kennt. Die Projektion von Objektenkann ein solches Gefühl herstellen.

Es können aber auch Objekte externalisiert werden, die ein Verhalten zeigen, das andere Verhaltensweisen der Außenperson überdecken soll. So kann ein Patient, der sich dadurch beunruhigt fühlt, daß der Analytiker verständnisvoll auf ihn eingeht, fürchten, der Analytiker könne in ihn “eindringen”. Er wird dann vielleicht auf ihn ein Objekt projezieren, das sich ihm gegenüber in der Vergangenheit gerade unempathisch verhalten hat und ihn nicht zu verstehen schien, zum Beispiel ein Elternteil, mit dem er sich “nicht verstand”, oder einen Lehrer, ein Geschwister oder sonst ein Familienangehöriger.

Je fraglicher der Bezug zur Realität ist, desto ungehinderter können sich Projektionen etableiren. Ist der Bezug zur Realität dagegen fest, kann eine Projektion leichter durch das tatsächliche Verhalten der Person widerlegt werden, auf die projeziert wird. Die Projektion kann aber selbst bei labilem Realitätsbezug durch das Verhalten der Person in Frage gestellt werden, auf die projeziert wird, wenn das phantasierte Verhalten zu weit von den eigenen Verhaltensdispositionen dieser Person abweicht und sie sich schon deshalb spontan anders verhält.

Das ist besonders dann der Fall, wenn archaische Verhaltensweisen in der Projektion enthalten sind. Ein weiterer Schritt ist, den anderen der Projektion real ähnlich zu machen. Man spricht von projetiver Identifizierung. Hier kombiniert sich die Projektion, ein innerpsychischer Vorgang, mit einem interaktionellen Handeln. Projektionen können aber auch ganz “still” stattfinden. Jemand kann eigene Liebesgefühle bewußt erleben und sie teilweise projezieren, um ihre Intensität abzuschwächen, so daß sie sein äußeres Verhalten nicht bestimmen. Wenn der oder die andere keine Anzeichen gibt, den Projezierenden zu lieben, kann der denken, daß Gründe vorhanden sind, warum das nicht geschieht, zum Beispiel moralische Bedenken.

Wenn der Projezierende Motive dafür hat, das nicht zu tun, kann er sich davon zurückhalten, auf die anscheinenden (in Wahrheit aber projezierten) Liebesgefühle des anderen offen zu reagieren. Die Projektion muß so von keiner Seite in Frage gestellt werden.

Jemand kann mit einer Projektion aber auch taktisch umgehen. Das ist besonders bei aggressiven Projektionen häufig der Fall. Er kann so tun, als “wisse” er nichts von dem – vermeintlichen – Haß der anderen Person, oder er kann versuchen, die hassende Person zu besänftigen.

Auf die eigene Projektion kann man auch mit Kontaktvermeidung oder Flucht reagieren. So kann jemand eine Stelle wechseln, weil er meint, der Vorgesetzte möge ihn nicht, obwohl der sich tatsächlich nie so verhalten hat, daß man ein Nicht-Mögen daraus ableiten könnte.

In Beziehungen zwischen Männern und Frauen kann es auch zu Mißverständnissen kommen, die etwas mit einer geschlechtsgebundenen Interpretation freundlichen Verhaltens zu tun haben. Freundliches Verhalten kann als Ausdruck sexuellen Interesses mißgedeutet werden. Projektion muß hier nicht im Spiel sein. Allenfalls ist der Wunsch der Vater des Gedanken. Neuere Untersuchungen im Max-Planck-Institut in Seewiesen haben bestätigt, daß Männer ein freundliches Verhalten von Frauen oft als sexuelles Interesse interpretieren.

Natürlich gibt es auch den Fall, daß eine Frau eindeutige sexuelle Signale gibt, ohne das zu merken. Ihre eigene Sexualität ist blockiert, sie hat aber durch Versuch und Irrtum herausgefunden, daß ein erotisch wirkendes Verhalten Männer anzieht (KÖNIG und KREISCHE 1991). Sexuelle Initiativen von Männern werden dann mit Abscheu und Ekel beantwortet.
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