…muß man es für möglich halten, daß der andere mit einem selbst vergleichbar ist.
Kernberg (1988) beschreibt eine Form der narzißtischen Charakterpathologie, die hauptsächlich darin besteht, daß der Patient anderen Menschen etwas antun kann, ohne Schuldgefühle zu empfinden. Sonst weist er vielleicht nur allgemeine Zeichen einer diffusen narzißtischen Symptomatik auf, zum Beispiel chronische Langeweile oder Leeregefühle.

Bei solchen Patienten spricht man von einer Abwehr gegen die Impulse des Über-Ich.Es gibt aber auch noch eine weitere Erklärungsmöglichkeit. Der narzißtisch strukturierte Mensch nimmt andere nicht als Ganzobjekte wahr, wozu gehören würde, daß er zu ihnen eine personale Beziehung hat, sondern eher als Funktionsbündel. Die anderen Menschen sollen seine Wünsche erfüllen und seine Bedürfnisse befriedigen. Weil keine Ganzobjekt-Beziehung zu ihnen besteht, kann er sich in sie auch schlecht hineinversetzen. Oft kann er gut beobachten, welche Auswirkungen sein Verhalten hat, und deshalb mit anderen Menschen “gut”, in Wahrheit aber manipulativ umgehen. In seinem “Arbeitsmodell” von anderen Menschen, das er beim Umgang mit ihnen berücksichtigt, hat deren Erleben keinen Platz. Ihre Reaktionsweisen kann er aber aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen im Umgang mit Menschen dennoch einschätzen, ähnlich wie man die spezifischen Reaktionsweisen eines Autos beim Fahren einkalkulieren kann. Tatsächlich gehen narzißtisch strukturierte Menschen mit anderen Menschen oft ähnlich um wie man ein Auto fährt. Der Spruch “Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füg auch keinen anderen zu” hat für sie keinen Sinn. Sie können sich nicht vorstellen, daß andere Schmerz empfinden können wie sie selbst. Viele narzißtisch strukturierte Menschen können auch selbst nicht jede Art von seelischen Schmerz empfinden.
Vor allem empfinden sie jedoch Kränkungen. Verläßt ein anderer Mensch sie, empfinden sie narzißtische Wut und vielleicht auch Angst, wenn sie auf dessen Funktionen angewiesen waren. Trauern können sie meist nicht.

Man kann bei ihnen oft beobachten, daß sie mit anderen Menschen mitleidloser umgehen als diese anderen Menschen mit Tieren umgehen würden. Sie sehen, wenn sie ihnen etwas antun, keinen Anlaß, Schuldgefühle zu haben.
Vom Verhalten narzißtischer Menschen ist das Verhalten schizoider Menschen zu unterscheiden. Schizoide neigen einerseits dazu, die Gefühle anderer stark mitzuerleben, weil ihre Selbst-Objekt-Grenze durchlässig ist. Andererseits gelingt es ihnen aber nicht selten, sich vor diesem Miterleben zu schützen, indem sie die Phantasie entwickeln, es käme nicht auf die Individuen an, sondern auf die Menschheit als ganzes, nicht auf Einzelschiksale, sondern auf das Schiksal der Menschheit. ROBESPIERRE könnte ein solcher schizoider Mensch gewesen sein.

CREMERIUS (in Cremerius et al. 1979) beschreibt den Fall eines Unternehmers, der Auflagen des Umweltschutzes nicht nachkam, sondern einen Prozeß anstrengte, den er verlieren mußte. Er rechnete sich aber aus, daß es so für ihn günstiger sei, da er die Auflagen nicht erfüllen mußte, während der Prozeß dauerte. Daß er während dieser Zeit die Umwelt schädigte, kam in seinen Überlegungen gar nicht vor.

Ich habe Unternehmer kennergelernt, die ein hohes Verantwortungsgefühl hatten. Meine Vermutung ist, daß Menschen mit eienr narzißtischen Charakterpathologie eben nur in bestimmten Managementbereichen leichter aufsteigen als andere.

Von einer narzißtischen Objektbeziehung ist die Objektneutralisierung (siehe dort ) zu unterscheiden. Bei ihr
handelt es sich um einen Abwehrmechanismus, der eingesetzt wird, um traumatische Situationen, zum Beispiel beim Tod eines nahen Angehörigen, zu bewältigen.

Quelle: Abwehrmechanismen von Karl König aus Vandenhoeck & Ruprecht Verlag