Das Geschäft mit dem Narzissmus boomt. Doch was Marketingstrategen oder Popmanager ihren “Künstlern” als Anleitung zum Erfolg empfehlen und was Fans als die Exzentrik ihrer narzisstischen Idole bewundern, bewerten manche Soziologen, Pädagogen, Philosophen oder Psychoanalytiker als Ausdruck einer sinnentleerten Erlebnis-Kultur. Soziologen entlarven die Sogwirkung narzisstischer Gesellschaften. Pädagogen erklären sich den Anstieg der Gewaltbereitschaft von Jugendlichen mit deren Werte- und Orientierungsverlust. Analytiker diagnostizieren jedes Jahr mehr Patienten pathologischen Narzissmus.

“Jeder ist mit Selbstliebe geboren, die Hälfte des Handelns ist selbstbezogen. Narzissmus ist die pathologische Ausprägung davon.” Herrmann Beland, Psychoanalytiker, Berlin 2001

Die Grenzen zwischen normalem und krankhaftem Narzissmus sind fließend. Welches Maß an Selbstbezug noch gesund und welche Interaktion mit Anderen schon gestört ist, lässt sich oft nicht genau festlegen.

Dazu Bertram Köhler, Dr.rer.nat. Dipl.Ing.: Jeder Mensch besitzt in unterschiedlicher Ausprägung einen gesunden Narzissmus, der für die Behauptung jedes Individuums in seiner jeweiligen gesellschaftlichen Umgebung notwendig und daher evolutionär entstanden ist. In ausgewogener Form führt dieser Narzissmus zu Selbstbewusstsein, Hilfsbereitschaft und Kreativität. Bei krankhaft gestörter Ausprägung zeigen sich maßlose Selbstüberschätzung und unrealistisch überhöhte Ansprüche an die eigene Leistungsfähigkeit, verbunden mit Minderwertigkeitskomplexen und zeitweiligen Depressionen, wenn die erwarteten Leistungen nicht erbracht werden können und die selbstgestellten Ziele nicht erreicht werden. Der narzisstisch gestörte Mensch verfolgt eine der folgenden drei Lebensstrategien, um zur Befriedigung seiner narzisstischen Bedürfnisse um Anerkennung in der Gesellschaft zu erlangen:

a) Erringung von Macht und Herrschaft über Bereiche seiner sozialen Umgebung (Familie, Gruppe, Partei oder Staat) oder Andienung an eine andere narzisstisch gestörte Persönlichkeit, um mit dieser zusammen aufzusteigen.

b) Übertriebene Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft, Opferbereitschaft und Dienstbarkeit, um auf diese Weise Dank und Anerkennung seitens der sozialen Umgebung zu erzwingen.

c) Selbstbefriedigung durch wissenschaftliche und künstlerische Kreativität und Flucht in die Rolle des verkannten Genies, dem Anerkennung zukünftiger Generationen winkt.

Gesellschaftliche Führungspositionen befriedigen in hohem Maße die erstgenannten Bestrebungen und fördern gleichzeitig den darin zum Ausdruck kommenden Narzissmus, besonders weil sich in der unmittelbaren Umgebung des Führers immer schnell Personen einfinden, die ihren eigenen Narzissmus auf diesen übertragen und den Führer in seiner Selbstüberschätzung bestärken, um dadurch selbst mit aufzusteigen. Infolge dieser Rückkopplung kann sich ein zunächst nur wenig überbetonter Narzissmus immer mehr verstärken und sich bis zum vollständigen Wahrnehmungsverlust der realen Welt entwickeln. Bei geschickter Argumentation des Führers gelingt es ihm sogar häufig, eine ganze Volksgruppe oder Nation verbunden mit “Personenkult” zu unrealistischen Selbstüberschätzungen ihrer Leistungsfähigkeit aufzuschaukeln, was man jederzeit auch an der gegenwärtigen Politik beobachten kann.

Hans-Jürgen Wirth untersucht in seinem Buch “Narzissmus und Macht, zur Psychoanalyse seelischer Störungen in der Politik”, die Wechselwirkungen psychologischer und gesellschaftlicher Prozesse. Ausgehend von den in der Psychologie des Individuums erkannten Gesetzmäßigkeiten und Zusammenhängen beschreibt er wesentliche Eckpunkte der persönlichen und politischen Entwicklung von Uwe Barschel, Helmut Kohl, Joseph Fischer und Slobodan Milosewitsch und kommt zu der Schlussfolgerung, dass häufig narzisstisch gestörte Persönlichkeiten ungehemmtes Machtstreben entwickeln und die Erringung von Machtpositionen in der Gesellschaft umgekehrt deren narzisstischen Störungen entgegenkommt und diese fördert. Als weitere Beispiele werden Napoleon, Stalin, Hitler, Honecker und Ceausescu erwähnt.

Aus dem ehemaligen Forum von Narzissmus.NET