Zu der Zeit ging es mir nicht besonders gut. Ich habe mich oft beworben und entsprechend viele Absagen erhalten. Ebenso wurde ich von automatischen Bildern meines bisherigen Erlebens ganz oft eingeholt und habe dann ganz oft in bestimmten Situation nicht angemessen reagiert. Ich habe Fremde Menschen aus Nichtigkeiten angeblafft, ohne zu wissen warum. Ich fühlte mich oft an bestimmte Gefühle erinnert, denen ich als Kind oft ausgeliefert war, egal ob Ablehnung, Ausgrenzung oder abgewertet, obwohl weder das eine oder andere offensichtlich vorlag. Ich habe selbst böse Emails oder Telefonanrufe getätigt bei Unternehmen, die mir absagten oder sich gar nicht erst meldeten, nachdem ich mich dort beworben hatte. Ich fühlte mich sehr oft, wieder sehr ungerecht behandelt. Ich habe mir immerzu den Arsch aufgerissen. Selbst meine ambulante Betreuung fragte mich, wie ich das aushalte, ob ich das aushalte und ob ich das Ganze nicht mal entschleunigen wollte. Ich hatte aber einfach nur den Wunsch in feste Arbeit zu kommen, die dann vielleicht auch mal länger hält, als bis kurz vor Ende der Probezeit. Ich hatte bis dahin schon einige Versuche unternommen, beruflich irgendwo langfristig unterzukommen. Und jede Absage nagte an einem Selbstwert. Jedes Ablehnungsschreiben habe ich analysiert und jede Redewendung, die mir nicht passte, habe ich in einer bitterbösen Hassmail zum Ausdruck gemacht. Im Kopf habe ich die vielen Betriebswirte und Sekretärinnen umgebracht und jeden der sich sozial anpasst obwohl es ihm innerlich schlecht geht, ausgelacht. Soziale Anpassung ist doch Kacke hoch Zehn. Wenn ich mir ein drittes Ohr an die Stirn tätowiere, ist es doch meine Sache oder?

Nach Außen wirkte ich immer so, als habe ich alles im Griff gehabt. Ich durfte keine Schwäche und keine Ermüdung zeigen. Wenn Mama anrief und mich fragte wie es läuft, habe ich gelogen. Ich hatte keine Lust auf Diskussionen oder Vorwürfe. Noch weniger hatte ich Lust auf ihr gespieltes Mitleid. Ich habe Telefonate mit ihr vermieden. Auch meiner Tante, meiner Schwester und so manchem Freund gegenüber habe ich gelogen. Ich wollte eben nicht wie ein Versager aussehen. Ich bin kein beruflich erfolgloser Narzisst, sondern eine gescheiterte Existenz. Meine Mutter, die selber Narzisstin ist, verdrängt erfolgreich ihren Schmerz, behandelt meine Schwester und mich aber lieblos. Ich möchte keinen aus meinem näheren Umfeld narzisstisch besetzen und lieblos behandeln. Mir sind meine Freunde wichtig. Ich hatte beim Lügen ein schlechtes Gewissen, aber ich wollte stark sein. Und ich wollte, dass sie stolz ist. Ich war teilweise in einem Rausch. Ich war wieder mal am Ende. Und ich wollte so nicht mehr weiter leben. Permanent dachte ich an Selbstmord oder schmiedete Rachepläne. Ich hab es zum Schluss nicht mehr ausgehalten und war der festen Überzeugung, dass mir nur eine Therapie helfen können a) meine Frustrationstoleranz zu stärken und b) Meine Bewertungsmuster zu verändern. Und ich wollte lernen ehrlicher zu mir sein und meinen Schmerz nicht mehr in Form von Wut und Hass rauslassen.

Ich weiß, dass die meisten Menschen nichts für meine Schmerzen können. Und dennoch habe ich die Menschen gehasst. Manche von Ihnen wollte ich wirklich tot sehen. Aber das Alles spielte sich zum Glück nur in meinem Kopf ab.Die Aussage wer mir absagt, hat mich nicht verdient, war nur ein schwacher Trost. Jeder der mir absagt, will mich nicht. Und jeder der mich nicht will, lehnt mich ab. Und jeder der mich ablehnt, muss büßen.

Ich habe meine Mutter mehrfach im Kopf umgebracht. Immer wenn wir stritten oder sie mir Vorwürfe machte, wollte ich sie leiden sehen. Ich wollte, dass sie genauso leidet wie ich. Aber mittlerweile weiß ich, dass mein Schmerz auch nicht gelindert wird, wenn sie leidet. Aber wer hat noch nie im Rahmen seiner Wut daran gedacht sich zu rächen?

Text von Leonard Anders
www.leonard-anders.de