Akhtar entwirft ein Profil der narzisstischen PS unter Berücksichtigung des Diagnoseschlüssels im DSM III und weiterer Theorien. Er geht davon aus dass die klinischen Merkmale 6 Bereiche des psychischen Funktionierens betreffen (s. u.).
In jedem dieser Bereiche gibt es einerseits sichtbare und andererseits verdeckte Manifestationen der Störung.

Er zeigt mit dem Herausarbeiten dieser “doppelten” Bedeutungen narzisstischen Funktionierens, dass NPS Betroffene ein “geteiltes Selbst” besitzen.

“(…) Patienten mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen können in (therapeutischen) Erstinterviews durchaus manchmal zunächst Merkmale offenbaren, die üblicherweise nicht sichtbar sind, während die gewöhnlichen offenkundigen Merkmale verdeckt oder verborgen bleiben. Das Wissen um ein dichotomes Selbst beim Patienten wird den Therapeuten dazu befähigen, weiter zu explorieren und somit eine Fehldiagnose zu vermeiden.”

Er betont, dass die verdeckten Merkmale nicht unbewusst sein müssen.
Es kann also davon ausgegangen werden, dass der narzisstische Mensch beide Funktionsweisen seines “doppelten Selbst” alternierend zeigen kann.

1. Selbstkonzept

sichtbar
Grandiosität; Vorherrschen von Phantasie besonderen Erfolgs; ungebrochenes Gefühl der Einzigartigkeit; Anspruchshaltung; scheinbare Selbstgenügsamkeit

verdeckt/larviert
Minderwertigkeit; mürrische Selbstzweifel; ausgeprägte Neigung zu Schamgefühlen; Fragilität; unerbittliche Suche nach Ruhm und Macht; ausgeprägte Sensibilität gegenüber Kritik und realistischen Rückschlägen

2. Interpersonale Beziehungen

sichtbar
zahlreiche, aber oberflächliche Beziehungen; intensives Bedürfnis nach Zuspruch von anderen; Verachtung für andere, oft verdeckt durch eine Pseudodemut; Mangel an Empathie; Unfähigkeit, wirklich authentisch an Gruppenaktivitäten teilzunehmen; höhere Bewertung der Kinder gegenüber dem Partner im Familienleben

verdeckt/larviert
Unfähigkeit, wirklich von anderen abhängig zu sein und diesen zu vertrauen; chronischer Neid auf die Fertigkeiten anderer, auf ihren Besitz und ihre Fähigkeit zu echten Objektbeziehungen; Missachtung von Generationsgrenzen; Missachtung der Zeit anderer Menschen; Tendenz, Briefe nicht zu beantworten

3. Soziale Anpassung

sichtbar
sozial betörend; oftmals erfolgreich; beharrliche und angestrengte Arbeit, meist aber nur zu dem Zweck, Bewunderung zu erfahren (“Pseudosublimierung”); ausgeprägter Ehrgeiz; besondere Betonung der äußeren Erscheinung

verdeckt/larviert
Quälende Ziellosigkeit; oberflächliches berufliches Engagement; dilletantische Einstellung; vielfältige, aber oberflächliche Interessen; chronische Langeweile; das ästhetische Empfinden ist oft künstlich und nachahmend

4. Ethische Grundsätze, Standards und Ideale

sichtbar
karikierte Bescheidenheit; geheuchelte Verachtung für Geld im Alltagsleben; idiosynkratisch oberflächliche Moralvorstellungen; offensichtlicher Enthusiasmus für sozialpolitische Belange

verdeckt/larviert
große Bereitschaft, Anschauungen aus eigennützigen Motiven zu ändern; pathologisches Lügen; materialistischer Lebensstil; Tendenzen zur Delinquenz; ausschweifender ethischer und moralischer Relativismus; Unehrerbietigkeit gegenüber Autoritäten

5. Liebe und Sexualität

sichtbar
Ehekrisen; kalte und gierige Verführung; außereheliche Beziehungen und Promiskuität; ungehemmtes Sexualleben

verdeckt/larviert
Unfähigkeit zur Liebe; eingeschränkte Fähigkeit, den Sexualpartner als getrenntes Individuum mit eigenen Interessen, Rechten und Werten zu sehen; Unfähigkeit, das Inzesttabu wirklich zu respektieren; gelegentliche sexuelle Perversionen

6. Kognitiver Stil

sichtbar
beeindruckende Kenntnisse; wirkt bestimmt und hartnäckig; oftmals auffällig artikuliert; egozentrische Wahrnehmung der Realität; Vorliebe für die Sprache; Vorliebe für jede schnelle Art, Wissen zu erlangen

verdeckt/larviert
das Wissen ist oft auf Trivialitäten begrenzt (“Schlagzeilenintelligenz”); Vergesslichkeit für Details, insbesondere Namen; eingeschränkte Möglichkeit, neue Fertigkeiten zu erwerben; Tendenz, die Bedeutung der Realität zu verändern, wenn diese als Bedrohung für das Selbstwertgefühl betrachtet wird; Sprache und Sprechen werden zur Regulation des Selbstwertgefühls eingesetzt.