Jüngere Untersuchungen weisen auf einen mäßig ausgeprägten, aber zuverlässigen Zusammenhang zwischen bestimmten psychiatrischen Störbildern und Gewalttätigkeit hin (Übersicht bei Angermeyer/Schulze 1998). Dazu kommen noch bestimmte soziökonomische, biologisch-genetische, familiäre u.a. Faktoren. Frappierend ist jedoch der relativ gesehen hohe Anteil der narzisstisch, dissozial oder schizophren gestörten Menschen im forensischen Strafvollzug.

Sehen wir uns die begangen Straftaten einmal näher an:

Bevorzugt werden von diesen Tätern Straftaten mit aggressivem Anteil, Rechtsextremismus und Sexualstrafdelikte.

Warum ist das so?

Aggression ist aus psychoanalytischer Sicht der Ausdruck einer Verunsicherung des Selbst, die durch frühkindlich erfahrene emotionale Ambivalenzen ausgelöst wurde. Und ist darum häufig Bestandteil der genannten Persönlichkeitsstörungen. Menschen mit diesem Bindungsmuster unterdrücken ihre in der Beziehung zu den Eltern erlebten negativen Gefühle und schmerzhaften Erinnerungen und werten diese Erfahrungen ab. Hopf, Rieker, Sanden-Marcus & Schmidt fanden schon 1995 heraus, dass z.B. Rechtsextremismus vermehrt mit diesem Bindungsmuster zusammenhängt.

Pathologischer Narzissmus war auch die Ursache des satanisch motivierten Mordes in Witten. Den Tätern wurde attestiert: “Beide leiden unter einer “narzisstischen Persönlichkeitsstörung”. Durch ihre satanistischen Rituale haben sie versucht, sich selbst ein Gefühl von Einmaligkeit und Größe zu verschaffen.” Das Gericht entschied unter Berücksichtigung des psychiatrischen Gutachtens des bundesweit renommierten Gerichtspsychiaters Norbert Leygraf, dass die Angeklagten aufgrund ihrer Störung nur vermindert schuldfähig sind, zugleich aber so gefährlich, dass sie in eine geschlossene psychiatrische Anstalt gehören. Eine Wiederholung der verabscheuungswürdigen Tat wird nicht ausgeschlossen.

In einer anderen Studie wurden Zusammenhänge des Psychopathie-Konzeptes von Hare zu den DSM-III-R- und ICD-10-Persönlichkeitsstörungen untersucht. Hierzu wurden 18 Sexualstraftäter mit der “Psychopathy Checklist-Revised” (PCL-R) sowie der “International Personality Disorder Examination” (IPDE) untersucht. Es fanden sich hohe Prävalenzen der antisozialen, paranoiden, Borderline-, narzißtischen und sadistischen Persönlichkeitsstörungen nach DSM-III-R sowie der dissozialen, impulsiven und paranoiden Persönlichkeitsstörungen nach ICD-10.

Narzisstische Straftäter zeichnen sich – konform zu den Diagnosekriterien einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung – aus durch relevante Normabweichungen, im einzelnen: allgemeine emotionale Labilität, Neigung zu depressiven Verstimmungen, Selbstwertproblematik und Tendenz zu spontanen aggressiven Entgleisungen.

Nach einer Studie von Gramzow und Tagney von 1992 tendieren narzisstische Personen vermehrt dazu, auf Kritik und/oder Frustration mit Wut zu reagieren, da sie sich in ihrem Selbstwert bedroht fühlen. Das Ausleben von Überlegenheitsgefühlen aber auch Racheverhalten hilft diesen Menschen, ihren Selbstwert wieder “in Ordnung” zu bringen.

Das bestätigen auch Baumeister et al. in ihrer Studie von 1997: Wird das extrem positive Selbstbild des Narzissten in Frage gestellt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sich diese Personen aggressiv gegenüber der Quelle der Bedrohung verhalten werden. Weiter führt Baumeister aus, dass das Risiko der Aggression um so höher ist, je instabiler der Selbstwert des Narzissten ist.

Viele Persönlichkeitsstrukturen also, die das Begehen von Straftaten begünstigen und die ihren Niederschlag im hohen Anteil der Narzissten im Strafvollzug finden.

Wie wird die diagnostizierte narzisstische Persönlichkeitsstörung nun im Strafvollzug behandelt?

In der Regel wird dem Täter – wie im Fall der Satanistenmörder – eine verminderte Schuldfähigkeit attestiert. Zur gutachterlichen Entscheidungsfindung über die Schuldfähigkeit des Täters zählen zwei Paragraphen. Im § 20 und in § 21 des Strafgesetzbuch (StGB) werden folgende Definitionen angegeben:

§ 20 StGB Schuldunfähigkeit wegen seelischer Störungen

Ohne Schuld handelt, wer bei Begehung der Tat wegen einer krankhaften seelischen Störung, wegen tiefgreifender Bewusstseinsstörung oder wegen Schwachsinns oder einer schweren anderen seelischen Abartigkeit unfähig ist, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln.

§ 21 StGB Verminderte Schuldfähigkeit

Ist die Fähigkeit des Täters, das Unrecht der Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln, aus einem der in § 20 bezeichneten Gründe bei Begehung der Tat erheblich vermindert, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.

§ 63 StGB Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus

Hat jemand eine rechtswidrige Tat im Zustand der Schuldunfähigkeit(§ 20) oder der verminderten Schuldfähigkeit(§ 21) begangen, so ordnet das Gericht die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an, wenn die Gesamtwürdigung des Täters und seiner Tat ergibt, dass von ihm infolge seines Zustandes erhebliche rechtswidrige Taten zu erwarten sind und er deshalb für die Allgemeinheit gefährlich ist. (Vgl. Strafgesetzbuch. München: C.H. Beck)

Die Einweisung in eine psychiatrische Klinik wird als Maßregelvollzug bezeichnet. Im Gegensatz zu den zusätzlich verhängten Freiheitsstrafen ist der Aufenthalt nicht zeitlich begrenzt. Das bedeutet also für den Täter: Auch wenn er die verhängte Freiheitsstrafe abgebüsst hat, verbleibt er unabhängig davon solange in der Psychiatrie, bis ein Gutachter ihm die Befähigung für ein Leben in Freiheit attestiert. Und das kann im Einzelfall auch nie sein.

Aus dem ehemaligen Forum von Narzissmus.NET