Von klein auf lernen wir, dass wir so, wie wir sind, nicht in Ordnung sind. Unsere Persönlichkeit wird manipulativ zum Wohle der Gesellschaft verformt. Wir lernen, dass man sich zum Wohle anderer verändern muss und dass man manipulieren darf, um Veränderungen herbeizuführen. Mit diesen unbewussten Lernerfahrungen im Gepäck werden wir älter. Manche übermalen diese Erfahrung mit einer stark übertriebenen Ich-Bezogenheit – die Gesellschaft nennt es Narzissmus. Andere hingegen bleiben in ihrer Opfererfahrung haften.

Treffen nun zwei solche extrem ausgeprägten Charaktere aufeinander, ist der Konflikt vorprogrammiert. Der Narzisst wird erniedrigen, um sich in jeder Situation über Wasser halten zu können, und das Opfer wird es hinnehmen, um sich selbst immer wieder in der festgefahrenen Rolle zu bestätigen. Da keiner von beiden bewusst so handelt, kann es oft Jahre dauern, bis einer die Kraft dazu findet, aus der Beziehung auszusteigen.

In Gesprächen mit anderen über die Vergangenheit bekommt man oft Dinge zu hören wie „Was für ein Egoist“, „Dass er dich so abwertend behandelt hat“ etc. Als Opfer erhält man Zuspruch, Verständnis und Hilfe. Der Narzisst wird zum alleinigen Täter deklariert und die Sache scheint klar zu sein.

Für mich persönlich war es an diesem Punkt aber nicht klar. Da ich immer versuche zu verstehen, war mir diese Erklärung nicht genug. Hatte mein Ex bewusst so gehandelt? Nein. Aber was steckt dann so tief in ihm fest, dass es in gewissen Situationen immer wieder zu den alten Verhaltensmustern kommt? Haben wir nicht zahlreiche Gespräche geführt, in denen wir beide der Meinung waren, es zukünftig zum Wohle unserer Beziehung besser machen zu können? Bei klarem Verstand war das alles so einfach und klar – beide einig und die Zuversicht im Gepäck, dass wir es schaffen könnten, weil wir im Prinzip der gleichen Meinung waren. Aber dann – eine Situation nach altem Muster, und schon steckten wir beide wieder so tief in unseren Rollen, dass der Verstand keine Chance hatte. Bis ich den Entschluss fasste zu gehen. So hatte das Ganze keinen Sinn mehr.
Nun war es aber so, dass ich die Kindheitsgeschichte kannte. Da musste es doch irgendeinen Zusammenhang geben – und wenn das Ganze in der Kindheit zum Eigenschutz entstanden ist und man sich daran nicht erinnern kann, kann man dann überhaupt Dinge umsetzen, wenn es emotional wird?

Dieser Frage ging ich nach. Ich fing an, meinen Ex zu verstehen und Mitgefühl für ihn aufbringen zu können. Triggerte mich irgendetwas, hatte ich das Bild von dem kleinen Jungen vor mir, und meine Emotionen konnten wieder besser herunterfahren. Aber wenn er nun aus seinem inneren kindlichen Bewusstsein heraus handelte und ich es eigentlich nicht ausstehen konnte, wenn man Kinder zum Wohle der Gesellschaft zu formen versucht, hatte ich dann nicht auch einen Fehler gemacht? Was gab mir das Recht, Erwartungen an meinen Ex-Partner zu stellen, um mich dann besser zu fühlen? Und genau an dieser Stelle fing ich an zu reflektieren.
Auch ich habe gelernt, dass man nur geliebt wird, wenn man so funktioniert, wie es erwartet wird. Auch ich habe meine kindlichen Erfahrungen mit in die Beziehung gebracht. Habe versucht, das zu bekommen, was mir guttat: Schließlich liebt er mich doch, und wenn er mich liebt, wird er das doch bestimmt machen, und wenn er es nicht macht, habe ich ihn weniger lieb! So einfach ist das, oder nicht?

Aber hat nicht jeder das Recht, so sein zu dürfen, wie er ist? Muss ich jemandem Vorwürfe machen, weil er nicht nach meinen persönlichen Erwartungen funktioniert? Ich hatte doch selbst meine Erfahrungen auf meinen Ex projiziert, hatte versucht, ihn mit Vorwürfen und Gemeinheiten zur Änderung zu zwingen. Und mit meinem zusätzlichen Helfersyndrom und der Motivation, ihn in ein Leben zu führen, das frei von Trauma ist, hatte ich das Ganze nur noch über Jahre in die Länge gezogen. Unterschwellig hatte ich für mein eigenes Ego genauso manipuliert, wie er versucht hatte, für sein Ego an meinem Selbstwertgefühl zu kratzen. Bei meiner Suche nach Antworten habe ich einmal folgenden Satz gelesen: Es gibt immer einen, der es macht, und einen, der es machen lässt.

Ich hatte also die ganzen Jahre über im Grunde immer die Möglichkeit gehabt, aus meiner Rolle auszusteigen und im besten Falle die Zelte abzubrechen. Ich hatte es selbst zugelassen, hatte mich zum Opfer degradieren lassen, um mein Helfersyndrom zu füttern und meinem Ego zu beweisen, dass ich es schaffen würde. Diese Erkenntnis traf tief. Aber das zog mich nicht runter, im Gegenteil. Natürlich hätte ich jetzt jammern können, weil ich so blöd gewesen war, hätte der Zeit nachweinen können. Stattdessen spürte ich in mir plötzlich eine Kraft. Also ob eine Tür aufgebrochen worden wäre.

Ich fing an, mich mit meinem inneren Kind zu beschäftigen, meine alten Muster herauszukramen, abzustauben und mir anzusehen. Schritt für Schritt, Schicht für Schicht. Ich stecke immer noch mitten in meiner Arbeit mit mir selbst. Aber was einmal wirklich im Bewusstsein ist, kann auch in Angriff genommen werden, und ich merke jetzt bereits in meiner neuen Beziehung, dass ich es auch schon umsetzen kann. Rutsch ich wegen zu mächtiger Emotionen in alte, manipulierende Verhaltensmuster, kann ich es mir zumindest eingestehen und als „Aha-Effekt“ nutzen, kann es mir selbst genauer anschauen oder auch meinem Partner erklären.

Keiner hat Schuld, wenn sich der andere schlecht fühlt! Das sind meine eigenen Gefühle, die durch meine Erfahrungen hervorgerufen werden. Ich kann es beim Gegenüber ansprechen, aber ich habe nicht das Recht, Erwartungen daran zu knüpfen. Gibt es einen gemeinsamen Weg und beide wollen die Veränderung für sich selbst, ist das o. k. Aber nicht, wenn sich jemand in seiner Persönlichkeit verbiegen muss, um dem anderen zu gefallen. Passt mir das nicht, habe ich die Wahl. Komme ich damit klar, ohne dass es meine Persönlichkeit untergräbt, oder müsste ich mich dann verbiegen?

Manche Erkenntnisse brauchen Zeit. Aber auch hier hat jeder das Recht, für sich selbst zu entscheiden, ob er nun aus diesen Schuhen wachsen möchte und vor allem auch in welchem Tempo. Denn egal, wie ich mich zum Wohle meiner Persönlichkeit entscheide – für jeden Topf gibt es den passenden Deckel!
(Melanie Wirth, 41)

 Aus dem Buch:
Ein Narzisst packt aus: Ehrlichkeit gegenüber dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung
Mit freundlicher Genehmigung des Autors.