Manchmal ist zu Fragen besser als was zu sagen…

Darf ich dir einen Ratschlag geben? Wenn ich Du wäre, würde ich mich so und so
verhalten. An deiner Stelle….usw.

Wie gut, dass niemand an meiner Stelle ist. Niemand wird sich wirklich in mein Innerstes
einfühlen können. Die Menschen werden höchstens eine Vorstellung davon bekommen,
wie ich mich fühle, aber wirklich nachvollziehen, werden sie es nicht. Und dann ist jeder gut
gemeinte Ratschlag oder Tipp, alles, nur eben nicht gut.

Heutzutage begegnet dir an jeder Ecke, jemand, der es angeblich besser weiß, der die
Weisheiten des Lebens anscheinend mit Löffeln gefressen hat. Ob dieser auch danach lebt,
ist die Preisfrage. Trotzdem gibt er Tipps und Ratschläge und ist dann oft eingeschnappt,
wenn du sie dankend ablehnst. Er gibt Dir auch Tipps, wenn du ihn nicht explizit darum
bittest. Du erzählst deine Geschichte und schon gleich versteht er dies als Aufforderung
etwas dazu zu sagen. Manchmal ist Zuhören und nichts sagen besser. Nicht umsonst heißt
es in einem alt ehrwürdigen Sprichwort „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold!“
Schlimm sind besonders die Tippgeber, die angeblich schon genau die Folgen und
Konsequenzen kennen, die ein Nichtbefolgen ihrer Tipps nach sich zieht. Als ob der dritte
Weltkrieg dann ausbricht, so vehement sind sie dahinter, dass Du ja ihnen recht gibst. Dass
du möglicherweise eine andere Erfahrung machen kannst, wird einfach nicht beachtet.
Dass du ein anderer Mensch bist, der mündig genug ist, seine eigenen Entscheidungen zu
treffen, wird dabei dann auch noch vergessen. Der Tippgeber geht davon aus, dass er im
Recht ist, nur weil er diese oder jene Erfahrung schon gemacht hat. Und selbst wenn errecht hat,
ist es im Nachgang nicht sein Recht, dir auch noch zu sagen „Habe ich es noch
gewusst“, oder „Hättest du nur auf mich gehört“.

Wer gibt mir eigentlich im Vornherein die Garantie, dass es so wird, wie vorher gesagt?
Natürlich kannst du das so machen, wird dann aber eben Scheiße. Ein Spruch der sich
lustig anhört, aber für den Betreffenden nicht wirklich lustig ist. Ihm wird suggeriert, wenn
er etwas anders macht, als der Tippgeber, dass es dann Scheiße wird. Wozu diese
Abwertung? Besser wäre doch dann die Frage: „Darf ich Dir einen Tipp geben?“ oder die
Warnung „Bist du dir sicher, dass du das so machen willst“? Dann hat man wenigstens die
Wahl, ja oder nein zu sagen, auch wenn letztere Frage mit Sicherheit auch für
Verunsicherung sorgen kann. Aber eine Frage ist immer besser, als eine wertende Aussage
über das Verhalten anderer.

„Wie hast du das gemeint?“ oder „Wie meinst du das?“ wäre dann die logische Nachfrage
desjenigen der im Begriff ist eine Entscheidung zu treffen oder der kurz davor steht. Nach
Abwägung aller möglichen Hürden und Hindernisse bin ich zu dem Schluss gekommen, es
nun so oder so zu machen und dafür kann ich dann auch guten Gewissens die
Konsequenzen tragen. Es ist einfacher sich selber zu verzeihen, so unglaublich das klingt,
wenn man nicht auf andere gehört hat und dann eine Erfahrung macht, deren Ausgang
auch ungewiss gewesen wäre, wenn man doch auf den Tippgeber gehört hat.
Andersherum würde man sich sonst über den möglichen Ausgang ärgern und sich
zusätzlich fragen: „Warum habe ich nur auf die anderen gehört?“

So ein Ratschlag setzt einen aber auch unter Druck. Bekanntermaßen enthält das Wort
Ratschlag das Wort Schlag. Schlagen kommt von schlagen und somit auch als Gewalt zu
verstehen, nach dem Motto „Du musst auf meinen Ratschlag hören… sonst…“ Man lässt
sich also indirekt beeinflussen oder gar manipulieren beziehungsweise für die Zwecke
anderer instrumentalisieren, ohne dass man das will und schon findet man sich wieder in
eine Ecke gedrängt, aus der man nur dann herauskommt, wenn man die bestmögliche
Entscheidung trifft. Nur was ist in dem Falle die beste Entscheidung?

Ehe sie sich versehen, geraten sie einen Strudel voller Selbstzweifel und Fragen, wie „Was
passiert, wenn ich seinen Ratschlag annehme und was passiert, wenn ich seinen Ratschlag
nicht annehme?“ „Mag er mich danach noch genauso wie vorher?“ „Kann ich so egoistisch
handeln, immerhin hat er mir ja einen Tipp gegeben!“ Spätestens wenn diese Gedanken
auftreten, läuft etwas falsch. Spätestens dann gilt es die Notbremse zu ziehen und seinem
Gegenüber zu sagen „Ich weiß, dass deine Ratschläge gut gemeint sind und ich danke Dir
wirklich sehr dafür! Ich würde mich aber freuen, wenn du mir selber mehr
Entscheidungsfreiheit einräumst. Ich schätze Dich als Freund sehr. Ich bin aber durchaus in
der Lage meine Entscheidungen selber zu treffen“ Damit drückt man deutlich aus, was man
will, ist nebenbei sogar wertschätzend und macht dem Tippgeber auch keine Vorwürfe.
Nebenbei gibt man dem Tippgeber selbst einen Rat, nämlich sich zurück zu halten. Mit
Glück hört dieser auf sie und sie haben dann nicht mehr den Druck sich sofort zuentscheiden,
mit einigen unnötigen Nebengedanken, die im Grunde nur eine Ablenkung
vom tatsächlichen Problem abstellen.

Lösen sie sich von dem Gedanken, abhängig zu sein von ihrem Umfeld. Sie sind nur
abhängig von ihrer eigenen Entscheidung. Sie dürfen auch einen Ratschlag annehmen. Sie
müssen es aber nicht. Wenn sie so weit gekommen sind, kann im Grunde nichts mehr
schief gehen. Ich wünsche Ihnen viel Glück bei diesem Unterfangen. Mögen sie die beste
Entscheidung treffen!

Text von Daniel S.