Mit freundlicher Genehmigung des Wilhelm Griesinger Instituts! Vielen Dank!

Gebetsmühlenartig wird die wissenschaftlich dargestellte Litanei der
Borderline-Entstehungsgeschichte seit Jahrzehnten wiederholt. Die
Vielschreiber haben sich nicht ernsthaft anderen, viel häufiger vorkommenden
Entstehungsbedingungen dieser bunten und schillernden und fragwürdigen
Diagnose gestellt.

New theses about the borderline syndrome

Kurzfassung

Das Borderline-Syndrom stellt nach der Literatur eine schwerwiegende
Erkrankung dar, deren postulierte Genese von den klinischen Beobachtungen
abweicht, die in einer psychiatrischen Praxis an 561 Patienten festgestellt
wurden. Die Borderline-Symptomatik entspricht weitgehend symbiotischem
Verhalten, das in der Mehrzahl der Fälle auf einer übermäßigen Bindung an
ein elterliches Objekt beruht. Anhand des Symbiosekonzeptes wird das
sogenannte Borderline-Syndrom in einen neuen Verständniszusammenhang
gestellt.

Summary:

According to literature the borderline syndrome is a severe disease whose
aetiology deviates from the clinical observations made in 561 patients in a
psychiatric praxis. The borderline symptoms resemble largely symbiotic
behaviour which is caused in most cases by excessive binding to a parental
object. By means of the concept of symbiosis the so-called borderline
syndrome is put into a new frame of reference.

Schlüsselworte

Symbiosekonzept, Borderline-Syndrom, Spaltungsmechanismen

Mit psychiatrischen Diagnosen ist vorsichtig und präzise umzugehen, da
Diagnosen über Schwere und Prognose der Krankheit aussagen. Auch Patienten
wissen eine Krankheitsbezeichnung einzuschätzen und ziehen aus ihr Schlüsse,
die im Sinne einer sich selbst erfüllenden Prophezeihung die
Selbsteinschätzung und den therapeutischen Verlauf negativ beeinflussen
können.

Das Borderline-Syndrom ist bis heute in der psychiatrischen und
psychosomatischen Literatur umstritten (s. Literaturüberblick). Die Diagnose
Borderline bedeutet für den Patienten und den Arzt, daß eine schwerwiegende
Erkrankung vorliegt, die im Grenzbereich zwischen Psychose und Neurose
einzuordnen ist. Diese Aussage ist aber nach kritischer Überprüfung der
diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten nicht gerechtfertigt. Im
Gegenteil: Patienten mit einer Angstsymptomatik, mit Beziehungsstörungen und
den anderen Symptomen, die zum Borderline-Syndrom gezählt werden, haben
einen erheblichen Leidensdruck und sind durch ihre Nähe zum
primärprozeßhaften Denken bereit, ihre Träume zu erinnern und sich den
tiefenpsychologischen Zusammenhängen zu öffnen. Dadurch ergibt sich eine
günstige Prognose. Diese Patienten bedürfen einer klaren Führung und klarer
Vorgaben. Es sind nicht die Schwergestörten, sondern die leidensfähigen und
umstellungsfähigen Patienten, die zu dem sogenannten Borderline-Syndrom
gehören.

Die Borderline-Erkrankung kommt nach Angaben von Rohde-Dachser bis zu 70%
in einer psychotherapeutischen Praxis vor (39). Diesen hohen Prozentanteil
kann ich nach meinen Erfahrungen weitgehend bestätigen – die Symptomatik
betreffend. Die Genese ist in der Mehrzahl der Fälle jedoch eine gänzlich
andere, auch die Prognose ist nach meinen Erfahrungen günstig.

Ich komme in meiner nervenärztlichen Praxis seit Jahren ohne den Begriff
des Borderline-Syndroms aus. Dennoch bin ich in meiner psychiatrischen
Arbeit erfolgreich und benutze allein die anderen Begriffe der Neurosenlehre
und der Geisteskrankheiten. Viele Fälle der Angsterkrankungen, der Süchte,
der Phobien und der anderen neurotischen Störungen fallen unter die Diagnose
Borderline, wenn man diese Diagnose verwenden will. Das Borderline-Syndrom
ist aufgrund seiner diffusen und vielschichtigen Komplexität und vor allem
wegen seiner wenig nachvollziehbaren Genese und Psychodynamik eine
kritikwürdige Diagnose.

Hinzu kommt, daß diese Diagnose mit dem Makel einer schwerwiegenden
Erkrankung behaftet ist, die in die Nähe der Geisteskrankheiten rückt. Der
Borderline-Fall wird in den psychoanalytischen Instituten als eine schwere
Störung angesehen, der eher von erfahrenen Psychoanalytikern behandelt
werden sollte. Der Borderline-Patient ist nach der Terminologie von Kernberg
ein Mängelwesen. Vieles ist mangelhaft und primitiv angelegt. Der Borderline
ist panneurotisch, pansexuell oder sonstwie
maskenhaft-dämonisch-unsympathisch in seiner Erscheinung.

Die bisherigen kritischen, wissenschaftlichen Arbeiten zum Begriff des
Borderline-Syndroms bringen zwar begründete Gesichtspunkte, sie bieten
jedoch keine anderen Konzepte an, welche die komplexe Symptomatik vieler
Patienten in einen neuen Sinnzusammenhang stellen könnten.

Forschungsergebnisse der Psychoanalyse und der Psychiatrie ergeben sich
vorwiegend aus Angaben und Beobachtungen, die das Erwachsenenalter
betreffen. Hier wird zur Zeit ein Forschungsbereich vernachlässigt, nämlich
die Traumanalyse. Das weite Feld der analytischen und tiefenpsychologischen
Traumdeutung ist gegenwärtig kein bedeutendes Thema der Wissenschaft. Vor
allem durch diese Vernachlässigung ist es zu erklären, daß die
Borderline-Thesen und die Theorien von den sogenannten frühen präödipalen
Störungen und frühkindlichen Traumata sich so lange halten können. Es wird
zu wenig, nur beiläufig, in der psychoanalytischen und psychiatrischen
Literatur darauf eingegangen, daß die Mehrzahl der sogenannten
Borderline-Fälle unter einer langdauernden Symbiose mit einem elterlichen
Objekt leidet (31, 12, 39, 49, 15).

Das Symbiosekonzept

Die Ergebnisse meiner psychiatrischen Behandlung von 561 Patienten mit
2610 Träumen zeigen, daß die Patienten mehrheitlich an einer
persistierenden, pathologischen Symbiose zu einem ihrer Elternteile leiden
und infantile, symbiotische Verhaltensweisen aufweisen. Diese Symptome, die
im unterschiedlich ausgeprägten Maß bei einer pathologischen Symbiose
auftreten, gleichen weitgehend der Symptomatik des Borderline-Syndroms, in
ihrer Psychodynamik weisen sie jedoch erhebliche Abweichungen auf.

Das Symbiosekonzept bietet eine klare und handhabbare theoretische
Struktur, die sich auf äußere Verhaltensmuster und vor allem auf
tiefenpsychologische Konfliktbereiche bezieht. Ich habe das Symbiose-Konzept
in meinem Buch “Angst – Ursprung und Überwindung” eingehend beschrieben (7).

Folgende symbiotische Verhaltensweisen sind zu nennen:

1.. Angst
2.. Passivität
3.. Identifikationsstörung und Überanpassung
4.. Innere Unruhe und Anspannung
5.. Ungeduld
6.. Kränkbarkeit und Wut
7.. Grandiosität
8.. Abwertungen
9.. Depressivität
10.. Sucht
11.. Sexuelle Störungen
12.. Destruktivität
Das Haftenbleiben in der Infantilität, in der Welt der kindlichen
Vorstellungen und Reaktionsweisen, die Spannungszustände, die durch den
Gegensatz zwischen dem erreichten Lebensalter und den infantilen,
regressiven Persönlichkeitsanteilen hervorgerufen werden, manifestieren sich
im symbiotischen Verhalten. Auch psychosomatische Symptome treten als
Zeichen einer ungelösten, persistierenden Symbiose auf.

Literaturüberblick

Die Literatur über das Borderline-Syndrom läßt sich in drei Gruppen
unterteilen:

a) die Gruppe, die das Borderline-Syndrom befürwortet:

Bronisch 1987, Eckert et al. 1987, Gunderson 1975, Heigl-Evers 1985,
Jacobson 1977, 1978, Janssen 1990, Kernberg 1978, 1988, Leichsenring 1990,
Mahler 1975, Masterson 1980, Modestin 1987, Rohde-Dachser 1979, 1980,
Seidler und Katzberg 1988, Volkan 1978

b) die Gruppe, die das Borderline-Syndrom kritisch, aber auch zustimmend
beurteilt:

Benedetti 1977, Kallert 1990, Kindt 1981, Saß und Koehler 1983, Schulze
1984

c) die Gruppe, die das Borderline-Syndrom ablehnt:

Bochnik und Gärtner-Huth 1981, Elliger 1989, Frosch 1988, Rich 1978,
Wöller und Huppertz 1984, Wurmser 1989

Typische Symptomenkomplexe der Borderline-Störung nach Kernberg und
Rohde-Dachser

Kernberg unterscheidet einerseits typische Symptomenkomplexe bei der
Borderline-Störung, andererseits fordert er zur Diagnosestellung die
strukturelle Analyse. Im folgenden beziehe ich mich auf die wesentlichen
diagnostischen Kriterien von Kernberg und Rhode-Dachser (23, 39).

Angst

Angst geht mit einer Vielfalt von körperlichen und seelischen Symptomen
einher. Angst ist wesentliches Kennzeichen jeder Entwicklungskrise bei
symbiotischer Bindung.

Frei flottierende Angst, die für das Borderline-Syndrom typisch sein soll,
kommt beim Angstneurotiker häufig vor. Auch Panikattacken, plötzlich
aufkommende Angst vor bestimmten Gegenständen oder Begebenheiten, mit
Herzrasen, Schwindel und den typischen körperlichen Angstäquivalenten sind
Symptome bei ungelöster Symbiose. Die Einteilung in verschiedene Ängste
bringt weder für Diagnose noch für die Therapie einen Sinn, da die
Psychodynamik die gleiche bleibt. Die Angst steht in den meisten Fällen für
den Ruf der elterlichen Objekte: “Komm zurück, du hast Angst vor dem Leben,
vor Sexualität, vor der Aggressivität, vor den Dingen, die
Selbstverwirklichung bedeuten.” Es sind Über-Ich-Ängste und Trennungsängste
zu nennen und Ängste vor aggressiven und sexuellen Impulsen, auch Angst vor
jeder Lebenssituation, der man sich als Folge seiner Erziehung nicht stellen
darf.

Polysymptomatische Neurosen, Phobien

Die Systematik der oben genannten symbiotischen Verhaltensweisen ist
übersichtlich, jedoch vielfältig. Sie umfaßt also ein weites Spektrum
neurotischer Symptome, die von Kernberg beim Borderline-Syndrom postuliert
werden.

Phobien weisen die gleichen pathogenetischen Mechanismen auf, wie sie bei
der Angstneurose auftreten. Die phobische Fehlhaltung ist lediglich ein an
der Oberfläche liegendes Symptom, hinter dem sich regressive Wünsche,
Loslösungskonflikte, aggressive und sexuelle Gehemmtheit verbergen. Bei den
Phobien werden die aggressiven und angsterregenden Phantasien auf ein
äußeres Objekt gerichtet mit dem Ziel der Verdrängung aggressiver Impulse
gegenüber dem verschlingenden und bindenden Objekt. Die Phobien sind durch
relativ stabile und zwanghafte Abwehrstrukturen gekennzeichnet.

Zwangssymptome

Die Entstehung von Zwangssymptomen ist komplex. Zwangssymptome sind
einerseits Ausdruck von infantilen Allmachtsphantasien, andererseits sind
Zwangssymptome verinnerlichte Elternbilder, die sich gegen das eigene Selbst
richten. Zwangsneurotische Symptome hindern das Leben. Der zwanghafte
Gedanke geht über in die Besessenheit, die auch für die Sucht kennzeichnend
ist. Das Sich-Nicht-Lösen vom allmächtigen Objekt, das den Patienten auf
einer archaischen Ebene beherrscht, schlägt sich in zwangsneurotischen
Symptomen nieder. Die Besessenheit vom Zwangs- oder vom Suchtgedanken ist
der Besessenheit vom allmächtigen Objekt gleichzusetzen.

Bewußtseinsstörungen, Entfremdungserlebnisse

Depersonalisations- und Derealisationserscheinungen treten auf, wenn sich
der Patient entwickelt. Sie entstehen als Äquivalente von Schuld- und
Angstgefühlen. Die Auflösung der Symbiose und die Integration abgespaltener
bisher fremder Persönlichkeitsanteile gehen mit einer Lockerung der
Ich-Funktionen einher, hervorgerufen durch Schuldgefühle und ein
übermächtiges Gewissen, das Loslösung und Autonomie erschwert.

Hypochondrie

Die Hypochondrie ist weder selten noch umstritten, wie Kernberg meint
(23). Die Hypochondrie ist wesentliches Kennzeichen der Angstneurose. Das
stete Sich-Beschäftigen mit dem eigenen Körper entspricht der zu geringen
Beschäftigung mit der Außenwelt und spiegelt die vorwiegende Beschäftigung
des allmächtigen Objekts mit dem Kind. Die Mutter hatte sich z. B. viel zu
sehr um die Gesundheit, die Befindlichkeit ihres kleinen Augapfels gekümmert
und versucht, es vor dem Übel und den Dingen der Welt zu bewahren. Die
Hypochondrie ist eine Art Zwangsbesessenheit in bezug auf das Wohlergehen
des eigenen Körpers. Hypochondrie resultiert auch aus Schuldgefühlen, die
auftauchen, wenn der Patient versucht, sich vom allmächtigen Objekt zu
lösen.

In den bisherigen Berichten über das Borderline-Syndrom ist die
Psychosomatik dieser Patienten kaum erwähnt worden. Masterson beschreibt
Asthmaanfälle und Magenbeschwerden als regressive psychosomatische Symptome
(33). Psychosomatische Erkrankungen treten zusammen mit anderen neurotischen
Symptomen auf, wenn Wachstumsimpulse gegen die Bindungskräfte allmächtiger
Objekte wirken (7, 45, 46, 50).

Paranoide Symptome

Paranoide Symptome sind als Projektion und Abwehr aggressiver und oraler
Triebimpulse zu verstehen, die ursprünglich einem allmächtigen Objekt
gelten. Paranoide Phantasien kommen auch bei symbiotisch gebundenen
Patienten vor, die ihre Ängste und den verdrängten Haß gegenüber dem
zerstörerischen und verfolgenden Objekt auf die Außenwelt projizieren.

(Polymorph-perverse) Sexualität

Die Bindung an das elterliche Objekt führt nach meinen Beobachtungen nicht
immer, jedoch häufig zu einer Bindungsunfähigkeit und einer starken
Beimischung von Aggressivität zur Sexualität (7). Die weitgehende
Verdrängung der Sexualität oder der kompensatorisch ausgeübte Don-Juanismus
sind Merkmale einer Hingabestörung und Angst vor Nähe. Die Macht und der Sog
der elterlichen Bindungen verhindern das Eingehen einer monogamen
Partnerschaft.

Sucht

Die Süchte sind typische Beispiele von symbiotischem Verhalten. Die Sucht
als die Suche nach dem mütterlichen Objekt und dem gleichzeitigen
Besessensein von diesem Objekt weist auf Symbiose hin.

Sucht ist immer auch eine Suche nach der Vergangenheit, nach dem
narzißtischen Primärzustand, dessen Erreichen Zufriedenheit und
Glückseligkeit verspricht. Matussek spricht vom “Bedürfnis nach
Wiederherstellung der ursprünglich an der Mutter erfahrenen Dualunion”…
und “den Versuchen, die durch die Welt ständig versagte infantile
Begegnungseinheit wiederherzustellen” (34). Das suchtartige Bestreben nach
Neubelebung der kindlichen Einheit mit der Mutter nimmt überhand und dient
dem Rückzug aus der Welt, in der Eigenständigkeit und Verantwortung
vermieden werden.

Auch andere Autoren sehen in der Sucht das Bestreben, auf die Stufe eines
Säuglings zu regredieren und mit der Mutter zu verschmelzen (22, 30, 37,
47).

Erhöhte Aggressivität

Entsprechend der vielschichtigen Determinierung menschlichen Verhaltens
weisen narzißtische Kränkbarkeit und Wut einen mehrfachen Ursprung auf.

Vorwiegend wird in der psychoanalytischen Literatur der Begriff der
narzißtischen Wut als das Wiedererleben archaischer Wut auf grund von
Kränkungen verstanden, die durch mangelnde Empathie, Frustration oder
Verlusterlebnisse in der Kindheit entstanden sind (23, 28, 39). Narzißtische
Kränkbarkeit und Wut entstehen nicht nur durch traumatische Zurückweisungen
und orale Frustrationserlebnisse, sondern auch durch den Wunsch nach
Verschmelzung mit einem archaisch-omnipotenten Objekt. Das Streben nach
symbiotischer Verschmelzung ist umfassend und so elementar, daß es in der
Regel an der Realität scheitert und Enttäuschungen auftreten.

Der symbiotisch gebundene Mensch reagiert auf diese Frustration mit einer
Kränkungshaltung und häufig mit Aggressivität. Mit Hilfe aggressiven
Schweigens oder eines Jähzornanfalls oder anderen aggressiven Verhaltens
soll die ursprüngliche symbiotische Einheit wiederhergestellt werden. Die
Wut des enttäuschten Kindes, das eine allgegenwärtige und umsorgende
Mütterlichkeit vermißt, richtet sich im Erwachsenenleben gegen andere oder
gegen sich selbst. Sie entspringt in beiden Fällen infantilen, symbiotischen
Verschmelzungswünschen und dem Impuls nach Rache an einer enttäuschenden
Realität.

Es wurde bisher in der psychoanalytischen Literatur zu wenig beachtet, daß
narzißtische Wut nicht nur durch frühkindliche Kränkungen und Traumata
entsteht, sondern primär ein infantiles Verhalten ist und auch der
Aufrechterhaltung und Wiederherstellung der Symbiose dient.

Manche Eltern grenzen sich gegenüber dem aggressiven Verhalten ihres
Kindes nicht genug ab oder neigen selber zu Wutanfällen. Sie heißen
insgeheim oder auch offen die Wutanfälle des Kindes gut. Das Kind behält die
Wutanfälle über die Kleinkindphase hinaus bei, da ihm nicht genügend Grenzen
gesetzt worden sind. Der Erwachsene glaubt, durch sein Verhalten etwas
erreichen zu können, wie es ihm damals als Kind möglich war. Mit dem
Jähzornanfall manipuliert der Erwachsene seine Umwelt nach dem Motto: “Wenn
du nicht willst, wie ich will, dann kriege ich eben einen Wutanfall und du
wirst schon sehen, daß ich meinen Willen durchsetze!”

Der Symbiotiker neigt dazu, sich selbst mitsamt seiner Vergangenheit,
seiner Art des Denkens, des Handelns und Fühlens zu verabsolutieren. Was er
sagt, tut und fühlt ist richtig. Der Symbiotiker zeigt Enttäuschung und
beleidigtes Verhalten, wenn seinen Wünschen nicht entsprochen wird. Er
mault, stunden- oder tagelang, je nachdem wie tief er sich gekränkt fühlt.
Er sieht sich von seinem Partner oder seinem Therapeuten, an die zu große
Erwartungen und Wünsche gestellt werden, enttäuscht.

Der Gekränkte zieht sich zurück. Er ist nicht in der Lage, sich mit einem
Partner über die Kränkung zunächst zu unterhalten oder seinen Ärger zu
verbalisieren. Schweigen als Rückzugssyndrom bei regressiven Wünschen, als
Strafe und als Ausdruck der Unfähigkeit, Ärger adäquat zu äußern, ist die
Folge. Nachdem sich genügend Wut in dem gekränkten Partner angestaut hat,
explodiert er aus einem geringen Anlaß heraus und zeigt einen infantilen
Wutausbruch.

Eine weitere Quelle der Wut besteht darin, daß mit dem Eingehen einer
Partnerschaft der symbiotisch gebundene Partner Abschied vom elterlichen
Objekt nimmt. Der Abschied ist mit Trauer und Wut verbunden, die um so
stärker sind, je fester die Bindung an die Eltern gewesen ist. Aus der
Trauer und der Enttäuschung heraus, daß der Partner einem nicht alle Wünsche
erfüllt, entsteht Wut, welche die Nähe zum anderen zerstört. Das Festhalten
an der Vergangenheit führt auch zur Ablehnung der Gegenwart und der
Bezogenheit zum Partner.

In Phasen der psychischen Entwicklung verstärkt sich als Ausdruck von
Trauer und verstärktem Suchen nach Symbiose die Neigung zu aggressiver
Gereiztheit und Wutanfällen. Der jeweilige Individuationsschritt geht mit
erhöhter Kränkbarkeit, Ungeduld und Wut einher. Auch psychosomatische
Angstsymptome und depressive Symptome sind verstärkt zu beobachten.

Während die Kränkungsreaktionen den Abstand zum Gegenüber vergrößern und
Nähe verhindern, kann ein Wutanfall aber auch Nähe schaffen. Manchmal ist in
einer verhärteten Partnerschaft die Wut der letzte Versuch, zum Gegenüber
Kontakt herzustellen und ihn aus seiner Arroganz und Symbiose herauszuholen.

Erhöhte Kränkbarkeit und Wut sind Zeichen von Symbiose und infantilem
Verhalten. Je stärker sich ein Elternteil des Kindes bemächtigt hat, desto
größer wird die Ambivalenz und die verdrängte Wut gegen ein
grenzüberschreitendes und verschlingendes Objekt sein. Vom Vater fühlt sich
der Symbiotiker verlassen, da dieser oft eine schwache Position in der
Familie einnimmt. Eine häufige Antwort der Patienten auf die Rolle des
Vaters in ihrer Familie ist: “Mein Vater hat wenig Zeit für mich gehabt und
sich wenig um mich gekümmert.” Aus der mangelnden Zuwendung des Vaters zum
Kind resultiert einerseits eine ungenügende Fähigkeit, auf die Welt
zuzugehen und sich ihrer realitätsgerecht zu bemächtigen, andererseits sind
die Kinder gekränkt und enttäuscht über die fehlende Liebe des Vaters. Auch
aus dieser Enttäuschung entspringen erhöhte Verletzbarkeit, Kränkbarkeit und
narzißtische Wut.

Charakterstörungen von niederem Strukturniveau

Die infantile Persönlichkeit soll nach Kernberg häufig bei
Borderline-Persönlichkeitsstörungen vorkommen (23). Dieses spricht für die
These der symbiotischen Bindung.

Selbstdestruktivität

Selbstdestruktivität oder Suizid treten auf als regressives Symptom und
als Ausbruchsschuld bei dem Versuch, sich aus der Symbiose zu lösen (7, 22,
45).

Depression

Der symbiotisch gebundene Mensch, insbesondere der Angstneurotiker, lebt
in seinem Familiengefängnis, das ihm wenig innere und äußere Freiheit
gestattet. Auch wenn der Symbiotiker, – der Narzißt- beruflich erfolgreich
ist und sich seine eigene Bühne, die von den narzißtischen Größenphantasien
mitgestaltet wird, gebaut hat, so bleibt er dennoch im privaten Bereich
häufig ein Opfer familiärer Bindung. Er ist nicht in der Lage, seine
Aggressivität einem nächsten Partner gegenüber adäquat zu äußern und die
Ambivalenz von Liebe und Haß gegenüber einer Person auszuhalten und zu
empfinden. Er wird bei der fehlenden Fähigkeit, zu lieben und zu leben,
unterschiedlich ausgestaltete depressive Züge entwickeln.

Die depressiven Verstimmungen stammen auch aus der Suche nach dem
verlorenen Paradies, nach dem mütterlichen oder väterlichen Objekt, das
endgültig aus der Realität entschwunden ist. Die alles verstehende und
verschlingende Mutter steht nur noch in der Welt der Phantasie zur Verfügung
und wird herbeigesehnt mit dem Sehnsuchtsschmerz und der Depressivität, die
das Aufsuchen vergangener paradiesischer Situationen mit sich bringt.

Identitätsstörung

Die Identitätsstörung ist ein typisches Symptom des symbiotisch gebundenen
Menschen. Der Symbiotiker hat seine Antennen zu sehr auf Empfang gestellt,
er hat eigene Vorstellungen und Antriebe bei den häufigen
Grenzüberschreitungen seiner Eltern zu wenig äußern können. Er hat sich auf
die Bedürfnisse eines anklammernden, an einer eigenen, persistierenden
Symbiose leidenden elterlichen Objektes einstellen müssen, so daß er eine
Identitätsstörung und eine nicht ausreichende Differenzierung des Selbst vom
Objekt im späteren Leben aufweist.

Minipsychose

Die Minipsychose ist Zeichen einer Übertragungspsychose, die durch eine
orthodoxe, analytische Behandlung entstehen kann. Die Minipsychose ist als
Resultat einer die Regression fördernden, therapeutischen Situation zu
werten. Der Begriff der Minipsychose wird der Schwere dieser Krankheit nicht
gerecht, sondern bagatellisiert die Möglichkeit, daß mit einer Psychose eine
Schizophrenie beginnt. Zwei Fälle aus meiner Praxis sind mir bekannt, bei
denen ich diesen Verlauf beobachtet hatte. Zunächst hatte ich im Glauben,
daß es sich bei diesen beiden Patienten um eine vorübergehende paranoide
Reaktion handle, die Psychotherapie über längere Zeit fortgeführt. In beiden
Fällen entwickelte sich jedoch eine Schizophrenie.

Ich-Schwäche

Nicht die Spaltung ist die Hauptursache der Ich-Schwäche (23), sondern
Ich-Schwäche beruht auf einer fehlenden Möglichkeit, die Ich-Funktionen in
der Kindheit zu entwickeln und einzuüben. Ein Kind kann durch unzureichende
Wahrnehmung seiner selbst und der Außenwelt an ein elterliches Objekt
gebunden werden, indem es daran gehindert wird, bestimmte Ich-Funktionen zu
erlernen. Fehllaufende Kommunikation, mangelnde Unterscheidung zwischen Ich
und Du und Umdefinierung der Gefühle sind einige Mechanismen,mit denen die
Selbst- und Fremdwahrnehmung verzerrt werden kann. Hierüber haben Stierlin
und ich ausführlich berichtet (7, 45). Ich-Schwäche hat ihre Ursache auch in
einer diffusen Angst, die das Denken blockiert. Die stets mit der Symbiose
einhergehende archaische Aggressivität gegen das bindende elterliche Objekt
führt zu einer Beeinflussung der Ich-Stärke, indem die Wut, die Angst vor
der Wut, Gewissensangst und Schuldgefühle das Ich überfluten. Die Verzerrung
der Wahrnehmung und der Realität entspricht infantilen Denk- und
Wahrnehmungsmustern, die sich mehr nach eigenen Vorstellungsbildern richten
als nach der Außenwelt. Der symbiotisch Gebundene nimmt die Außenwelt aus
der Perspektive des grandiosen, geliebten und narzißtisch besetzten Kindes
wahr, das noch in einer Einheit von Mutter und Kind lebt und seine
Ich-Funktion nur in Teilbereichen gut entwickelt hat.

Triebhafter Charakter oder mangelnde Impulskontrolle

Der triebhafte Charakter hat seine Ursachen in der Infantilität. Kinder
verhalten sich triebhaft. Die fehlende Erwachsenenwelt dieser Menschen
dokumentiert sich eben in der Triebhaftigkeit.

Spaltungsmechanismen

Die Spaltung des Denkens, Fühlens und Handelns, die E. Bleuler bei seinen
Kranken beobachtete, hat ihn dazu veranlaßt, den Begriff der Schizophrenie
zu prägen (2). Freud beschrieb die Ich-Spaltung als eine Abwehrfunktion
gegenüber einem Triebanspruch (9). Mit Jaspers handelt es sich bei dem
Erleben und Erfassen von Gegensätzlichkeiten, von Polarität und Dialektik
“um eine universale Form des Denkens” und “allen Seins” (19).

Kernberg bezeichnet Spaltung als das aktive voneinander Trennen von
Introjektion und Identifizierungen gegensätzlicher Art. Beim
Borderline-Syndrom stellt die Spaltung nach Kernberg einen Abwehrmechanismus
dar, der gegensätzliche Ich-Zustände voneinander getrennt hält, die an
frühe, pathologische Objektbeziehungen gebunden sind (23).

Der Begriff der Spaltung, wie ihn Kernberg, Rohde-Dachser und Volkan
definieren, ist verworren und in seiner Genese und Psychodynamik nicht
nachvollziehbar. Die Literatur um den Begriff der Spaltung ist angefüllt mit
abstrahierenden, wenig scharf umrissenen Begriffen der Klein’schen und
Kernberg’schen Schulen, wobei sich vor allem Melanie Klein einer schweren,
dunklen und daher unklaren Sprache bedient (26, 27).

Ein spezifischer, primitiver Spaltungsmechanismus, den die oben genannten
Autoren postulieren, spielt in meiner psychiatrisch-psychotherapeutischen
Praxis nicht die zentrale Rolle, wie nach den Angaben der Literatur zu
vermuten wäre. Eine wesentliche Ursache hierfür ist darin zu sehen, daß die
typische, analytische Situation regressive und dissoziative
Spaltungsvorgänge im Patienten entstehen läßt und fördert, so daß sie dem
Psychoanalytiker als pathologische Phänomene erscheinen. Dabei reichen die
von Sigmund und Anna Freud beschriebenen Abwehrmechanismen völlig dazu aus,
Absprengungen oder Abspaltungen bestimmter Persönlichkeitsanteile oder
Triebregungen verständlich werden zu lassen (8).

Wo das Empfinden von Gegensätzlichkeiten einen zu großen Raum einnimmt,
haben wir es mit infantilen, dem Primärprozeß nahen, grandiosen Denk- und
Verhaltensweisen zu tun. Die simplifizierende Verherrlichung der einen und
die Verachtung der anderen Seite finden wir in den typischen
angstneurotischen Familien, in Gruppen und Völkern, die durch Politiker und
Ideologen in eine kollektive Regression geführt werden.

Als Psychiater sehen wir den Mechanismus der Auftrennung zwischen einer
guten und bösen Welt, zwischen Idealisierung und Abwertung besonders in der
Therapie. Die Trennung in Gut und Böse mit einem plötzlichen Umkippen der
Idealisierung in die völlige Abwertung hat den Sinn und das Ziel, die
Beziehung zum Partner, zur Berufswelt oder zum Therapeuten abzubrechen, wenn
die Beziehung einerseits zu dicht wird oder aber den Idealvorstellungen
nicht mehr entspricht. In diesem Moment bleiben von Zuneigung und Liebe
wenig oder nichts übrig, sondern der bislang geliebte Mensch wird für
kürzere oder längere Zeit verteufelt und abgewertet. Im Verlaufe von
Stunden, Tagen oder Wochen weichen die Haßgefühle zumeist einem positiv
getragenen Gefühl – der Liebe.

Die völlige Abwertung des geliebten Menschen über einen gewissen Zeitraum
entspricht dem archaischen, aufgestauten Aggressionspotential, das enorm ist
und keine positiven Seiten am anderen zuläßt. Es gelingt dem Symbiotiker in
der Regel nicht, mit dieser enormen Wut umzugehen. Es gibt für ihn entweder
den Weg des Rückzugs, der völligen Abwertung, wobei er Gefahr läuft, die
Beziehung zu zerstören, oder aber er idealisiert seinen Partner weiterhin
und verdrängt seine archaische Wut, die den Partner sonst treffen würde.
Aufgabe des Erwachsenen ist es aber, seine infantilen Aggressionen zu
überwinden, die inneren Gegensätze seiner Persönlichkeit bewußt werden zu
lassen und zu integrieren.

Die Suche nach Verschmelzung und Wiederherstellung der symbiotischen
Einheit mit dem allmächtigen Objekt wird vom Symbiotiker zwar heftig
betrieben, das Wiederauffinden des Paradieses gelingt ihm aber nicht mehr.
Auf diese Enttäuschung reagiert er mit brüsker Ablehnung, die sich als
Abbruch der Beziehung darstellen kann. Je stärker der symbiotisch gebundene
Patient mit dem allmächtigen Objekt eine Einheit bilden möchte, desto mehr
wird er auf reale Enttäuschungen mit Abwertungsmechanismen reagieren, die
das Umschlagen von Zuneigung in Enttäuschungsärger beinhalten. Nachdem der
Symbiotiker die Symbiose unter Schuldgefühlen und einer Fülle von Symptomen
gespalten hat, ist er nicht mehr genötigt, Beziehungen zu spalten und
abzubrechen, sein Gegenüber übermäßig abzuwerten und abzulehnen, da er nach
Auflösung der Symbiose zu einer erwachsenen Ich-Du-Beziehung befähigt ist.

Primitive Idealisierung

Die Neigung, äußere Objekte übermäßig zu idealisieren, ist in ihrer
starken Ausprägung eine infantile Haltung. Sie entstammt der Identifikation
mit dem allmächtigen Objekt. Kernbergs Feststellung, daß die idealisierte
Person “als Beschützer gegen eine Welt voller gefährlicher Objekte (23)
auftritt, stützt meine Beobachtungen über symbiotische Verhaltensweisen beim
“Borderline-Patienten.”

Projektive Identifikation

Die projektive Identifikation spielt in meiner Nomenklatur keine Rolle.
Der Begriff wurde von der Klein’schen Schule entwickelt, deren unklaren
Sprache ich bemängelt habe. Auch Wurmser hat sich kritisch zu diesem
überflüssigen Begriff der Psychoanalyse geäußert (52).

Grandiosität und Allmacht

Grandiosität und Allmacht sind symbiotische Verhaltensweisen. Sie sind
nicht “direkte Manifestation primitiver Introjektion und Identifizierung zu
Abwehrzwecken” (23), sondern sie stehen in einem direkten Zusammenhang mit
der infantilen Symbiose. Ein Mensch, der in der Welt der Kindheit
hängengeblieben ist, der seine infantilen Größenphantasien weiterhin nährt
und verwirklichen will, der so sehr von seiner Mutter in diesen
Größenphantasien bestärkt worden ist, durch ihre allumfassende Zuwendung und
Liebe; ein Mensch, der in seinen Grenzen, in seiner Identität so sehr
gestört worden ist, wie es bei symbiotisch gebundenen Menschen vorkommt, der
wird kompensatorisch, aber auch gefüttert durch die narzißtische Liebe
seines mütterlichen Objektes, Allmachtsphantasien hegen und verwirklichen
wollen. Sie werden kompensatorisch gebildet infolge von Ohnmachtsgefühlen
gegenüber allmächtigen Objekten.

In folgenden Redewendungen findet sich Grandiosität:

Nie werde ich heiraten.

Das werde ich niemals tun.

Das habe ich immer schon so gemacht.

Das schaffe ich nie.

Ich interessiere mich für nichts.

Keiner kann mir helfen.

Keiner versteht mich.

Keiner liebt mich.

Ich habe schon alles versucht. Kein Therapeut ist gut für mich.

Du hörst mir nie zu.

Sowohl in therapeutischen Beziehungen als auch in den
Partnerschaftskonflikten ist es wichtig, darauf hinzuweisen, daß Sätze wie
“Keiner hat mich lieb” oder “Keiner versteht mich” nur dazu dienen, die
Symbiose mit dem elterlichen Objekt aufrechtzuerhalten. Der grandiose Mensch
ist nicht bereit, aus seinem mütterlich-kindlichen Beziehungsmuster
auszusteigen und sich auf die jetzige Beziehung einzulassen. Es ist
schwierig, an derartige Menschen heranzukommen und sie zu einem anderen
Verhalten zu bewegen. Sie sind schnell gekränkt, ziehen sich beleidigt
zurück, oder sie reagieren mit narzißtischer Wut.

Grandiosität findet sich beim Narzißten, der zu sehr in seine eigenen
Ideen verliebt und überzeugt ist von seiner Großartigkeit in bezug auf seine
Begabungen und seine Ideen. Er scheitert jedoch häufig in engen,
zwischenmenschlichen Beziehungen.

Grandiosität kann auch aus der Abwehr einer depressiven Grundstimmung
entstehen. Anstatt die Depressivität und Trauer, die notwendigerweise im
Loslösungsprozeß entsteht, zu ertragen, wird sie bei den Menschen, die sich
grandios verhalten, verdrängt und in ihr Gegenteil verkehrt.

Abwertungen

Der Symbiotiker wertet ab, wenn die Nähe unerträglich groß wird.
Abwertungen haben den Sinn, die Symbiose zu den Eltern aufrechtzuerhalten,
da Abwertungen zurück zum elterlichen Herd führen. Wer abwertet, fühlt sich
nicht wohl in der Welt, sondern er mäkelt an vielem herum, um Beziehungen
abzubrechen und eine Zugehörigkeit zu verhindern. Der Symbiotiker versucht,
das Weltbild der Kindheit zu erhalten, indem er die Realität umdeutet und
herabsetzt.

Abwertungen sind gleichzusetzen mit Zweifeln. Auch die Zweifel dienen
dazu, die Symbiose zu erhalten. C.G. Jung sieht im Zweifel das Wirken der
ungelösten Mutterbindung: “Jedes Hindernis, das sich auf seinem Lebenspfad
türmt und seinen Aufstieg bedroht, trägt schattenhaft die Züge der
furchtbaren Mutter, die mit dem Gifte des heimlichen Zweifels und des
Zurückweichens seinen Lebensmut lähmt, und in jeder Überwindung gewinnt er
die lächelnde Liebe und lebensspendende Mutter wieder” (20).

Dem Zweifel können sämtliche Lebenssituationen unterworfen werden, die
Entscheidungen erfordern. Häufig sind die Zweifel oder die Abwertungen
gegenüber dem Ehepartner oder in der therapeutischen Situation. Die große
Nähe derartiger Beziehungen wird nicht ertragen oder als harmonisch erlebt,
sondern als bedrohlich und verschlingend. Um diesem regressiven Sog und der
gefürchteten Allmacht zuvorzukommen, wird die Nähe durch Abwertungen
zerstört.

Der Symbiotiker will durch Umdeutung der Realität die Welt der Kindheit
wiedererstehen lassen. Zu dem Zweck, die Symbiose zu bewahren, wird die Welt
in eine gute und böse gespalten. Die Außenwelt wird abgewertet, während die
Familie, die das Gute verkörpert, idealisiert wird. Aggressivität wird nur
gegen die Außenwelt zugelassen. Innerhalb der Familie wird die Aggressivität
ausgeblendet. Direkte, aggressive Äußerungen sind tabuisiert, so daß sie
nach außen projiziert werden oder sich in Krankheitssymptomen manifestieren.

Narzißmus

Auch Kernberg vertritt die Theorie von der frühen Störung, die durch frühe
orale Traumata und enorme prägenitale Aggression hervorgerufen wird. Die
Nähe des Borderline-Syndroms zum Konzept des Narzißmus liegt darin
begründet, daß im Narzißmus eine harmlosere, weniger lärmende und
symptomreiche Form symbiotischen Verhaltens zu sehen ist. Wenn sich aber der
Narzißt seiner Ablösungs- und Individuationsproblematik stellt, setzt auch
bei ihm oft eine laute, vielfältige Symptomatik ein.

Zur Genese des Borderline-Syndroms:

Rohde-Dachser und andere Autoren sind im wesentlichen der Auffassung, daß
das Borderline-Syndrom aus “einer frühen und tiefgreifenden Störung der
Mutter-Kind-Beziehung resultiere, die sich niemals zu jener unerläßlichen
tragend-symbiotischen Form ausgestaltet habe, die das Fundament der
Ich-Entwicklung, insbesondere der Differenzierung von Selbst und Objekten
darstellt und einem Kind ‘Urvertrauen’ vermittelt” (39). Masterson stellt
folgende Überlegungen zum Entwicklungsaspekt des Borderline-Syndroms an:
“Die oben erwähnten Autoren zeigen beträchtliche Übereinstimmung bezüglich
der klinischen Merkmale des Borderline-Zustandes, die sie mit großer
Klarheit darlegen. Diese Klarheit verschwimmt jedoch zu vagen und
allgemeinen Formulierungen, wenn sie seine entwicklungsmäßigen Ursprünge
diskutieren” (33). Masterson sieht mit Mahler die Entstehung des
Borderline-Syndroms in einem Mißlingen der Separation-Individuation, die
durch eine regressive, anklammernde und auf Selbständigkeit des Kindes mit
Liebesentzug reagierende Mutter entstanden ist (33, 32). Während Masterson
sich eindeutig von den anderen psychoanalytischen Autoren in seiner Theorie
über die Genese des Borderline-Syndroms abgrenzt, behält er die These eines
liebesentziehenden mütterlichen Objekts bei, das zu einer
Borderline-Struktur führt. Diese These läßt sich nach meinen Beobachtungen
nicht halten: Der Liebesentzug stellt durch das Schaffen von Schuldgefühlen
lediglich einen von vielen Bindungsmechanismen dar.

Es ist erstaunlich, wie zahlreiche Psychoanalytiker und Psychiater über
die Genese und Psychodynamik des Borderline-Syndroms Thesen formulieren, die
sich jedoch klinisch selten nachweisen lassen. Dabei wissen wir, daß
Patienten in ihrer unersättlichen Gier und in ihrer Riesenanspruchshaltung
ihre Kindheit oft verzeichnen und verzerren.

Die langjährige, psychoanalytische und tiefenpsychologische Arbeit an 561
Patienten und deren Träumen zeigt, daß frühkindliche Traumata an der
Entstehung von Angst, Phobien, Süchten und anderen neurotischen Symptome
nicht die Rolle spielen, die ihnen bisher zugeschrieben wird. Vielmehr
führen ungelöste Bindungen an ein allmächtiges, verschlingendes Objekt zu
der Vielfalt der beschriebenen Symptome. Auch Jung, Kast und Stierlin sind
wesentliche Vertreter dieses psychodynamischen Konzeptes (20, 22, 45).

Es ist vor allem festzustellen, daß die Patienten nicht nur in der frühen
und späteren Kindheit auf vielschichtige Art und Weise an ein allmächtiges
Objekt gebunden wurden, sondern daß sie auch in der Adoleszens weiterhin von
diesem elterlichen Teil umklammert und beeinflußt werden mit dem unbewußten
Ziel, die Individuation und Separation des Adoleszenten zu verhindern.

Nicht frühe, orale Traumata, nicht exzessive Enttäuschungsaggressionen,
nicht eine gesteigerte Kastrationsangst oder andere frühkindliche
Mangelsituationen und Entbehrungserlebnisse sind also an der Entstehung des
sogenannten Borderline-Syndroms beteiligt, sondern viele Phänomene des
Borderline-Syndroms lassen sich mit dem Konzept der Symbiose und der Bindung
einleuchtender und sehr viel nachvollziehbarer erklären.

Erschienen in der Zeitschrift: TW Neurologie Psychiatrie 11 (1991)

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www.wilhelm-griesinger-institut.de