Es scheint, daß es auf der Welt zwei verschiedene Kategorien von Menschen gibt; die, die bereit sind, persönliche Verantwortung für eigenes Glück und Unglück zu übernehmen, die bereit sind zu lernen, sich mit ihrer Angst und ihren Schmerzen zu konfrontieren und die Gültigkeit ihrer Überzeugungen zu überprüfen, und jene, die nicht bereit sind, persönliche Verantwortung zu übernehmen und die entschieden haben, sich von ihren Ängsten und falschen Überzeugungen beherrschen zu lassen. Mit anderen Worten: Es gibt Menschen, die sich darauf einlassen, zu lernen und persönlich verantwortlich zu sein, und Menschen, die daran festhalten, sich gegen persönliche Verantwortung zu schützen. Natürlich ist jeder manchmal bereit zu lernen und manchmal auch nicht. Es ist wichtig zu erkennen, daß sie kaum Fortschritte machen werden, wenn Sie weniger als 50 Prozent der Zeit bereit sind zu lernen, weil der Schaden, den Sie anrichten, wenn Sie nicht in Kontakt mit sich sind, sehr leicht das Gute, das passiert, wenn Sie offen dafür sind, mit Ihrem Kind zu lernen, zunichte machen kann.

Was heißt es bereit zu sein? Vergleichen wir das Ganze einmal mit einer Skipiste. Sie haben vor kurzem gelernt, Ski zu fahren, und Ihr Lehrer nimmt Sie mit auf die Spitze des Hügels. Für Sie sieht der Abhang von hier aus beänstigend steil aus, aber Ihr Lehrer versichert Ihnen, daß Sie sicher hinunterkommen werden. Natürlich gibt es keine Garantien. Es gibt immer die Möglichkeit, daß Sie sich ein Bein brechen. Sie schauen den Hang hinab und haben schreckliche Angst. Sie sind der Überzeugung, Sie könnten es nicht schaffen. Was tun Sie? Gehen Sie das Risiko ein, Ihre Überzeugung in Frage zu stellen, und fahren den Hang hinunter? Oder setzen Sie sich in den Sessellift?

Menschen, die Skifahren gelernt haben, entscheiden sich, sich mit ihrer Angst auseinanderzusetzen. Wären sie nicht bereit gewesen, sich mit Ihrer Angst zu konfrontieren, hätten sie sich nicht dafür entschieden, Ski zu fahren, dann hätten sie nie gelernt, wie es geht. Den Sessellift hinunter ins Tal nehmen, das ist das Bild für unsere Abhängigkeiten, daß heißt, einem anderen Menschen oder etwas anderes dazu zu benutzen, unsere Angst zu beseitigen. Viele von Ihnen waren auf dem Skihang vielleicht bereit, sich mit ihrer Angst zu konfrontieren, aber wie oft haben Sie den Sessellift zurück ins Tal genommen? Wie oft haben Sie sich entschieden, sich zu schützen anstatt zu lernen? Je mehr Sie bereit sind , sich mit Sorgen, Einsamkeit, Alleinsein, Angst, Verletzung, Schmerz, Langeweile, Enttäuschung oder anderen unangenehmen Gefühlen auseinanderzusetzen, desto schneller werden Sie beim Hindurchgehen durch diese Gefühle Fortschritte in Richtung auf Ihre Freude machen. Je rigoroser Sie die Verbindung zu diesen Gefühlen abschneiden, das heißt je öfter Sei den Sessellift hinunter ins Tal nehmen, anstatt sich mit Ihren Gefühlen zu konfrontieren und von ihnen zu lernen, um so länger werden Sie feststecken.

Es ist sehr schmerzhaft, eine Beziehung zu jemanden zu haben, der feststeckt. Es ist, als würde man einer Kindesmißhandlung zuschauen. Allerdings ist das Kind, das mißbraucht wird, in diesem Fall das innere Kind. Es ist hart, jemanden zu sehen, der sich leer, unsicher, verletzt, wütend, depressiv oder krank fühlt und zu wissen, daß dieser Mensch diese Gefühle in sich selbst verursacht, indem er lieblos zu sich selbst ist. Wir wollen ihm helfen, aber wir können nichts tun. Wir können die Entscheidung eines anderen Menschen nicht kontrollieren oder ändern.Solange es wichtiger für ihn ist, sich gegen seine Angst zu schützen, als seine Ängste und Schmerzen anzuschauen, wird er feststecken, und niemand kann etwas dagegen tun. Es ist hart, mit anzuschauen, wie Familien auseinanderbrechen, weil der Partner oder alle beide sich weigern, ihre innere Arbeit zu leisten. Jeden Tag beobachten wir als Therapeuten, wie Menschen auf ihr inneres Kind einschlagen und sich weigern zu lernen. Die Gefühle, die dadurch hervorgerufen werden, sind zutiefst schmerzlich. Wir tun unser Bestes, um unseren Klienten zu helfen, den Mut zu finden, sich mit ihrer Angst und ihren Schmerz auseinanderzusetzen, aber wenn es offensichtlich wird, daß sie feststecken und nicht bereit sind, etwas dagegen zu tun, müssen wir sie gehen lassen.

Warum sind manche Menschen bereit, sich mit ihren Ängsten und Überzeugungen und mit ihrem tiefsten Schmerz auseinanderzusetzen, während andere in ihrem lieblosen Verhalten steckenbleiben? Die Antwort hat etwas mit den Prioritäten zu tun, die ein Mensch für sich selbst setzt. Wenn es Ihre höchste Priorität ist, liebevoll zu sein, wenn es Ihr größter Wunsch ist, für sich selbst und andere ein liebevoller Mensch zu sein, und wenn Sie glauben, daß es möglich ist, das zu errreichen,dann sind Sie auf dem richtigen Weg. Die beiden Grundelemente, auf denen Sie aufbauen können, sind die Sehnsucht und die innere Überzeugung Wenn Ihnen jedoch der Selbstschutz wichtiger ist, dann werden Sie weiterhin feststecken, egal wie viele Bücher Sie lesen und wie viele Workshops Sie besuchen. Als Therapeuten kennen wir viele Menschen, die unzählige Selbsthilfebücher lesen, zur Therapie gehen und zahllose Workshops besuchen und die aus ihrem Selbstschutzverhalten nicht hinausgefunden haben. Das kommt daher, daß ihre Angst größer ist, als ihre Sehnsucht und daß ihre Schutzmechanismen immer noch wirksam sind und sie daran hindern, ganz auf den Grund zu kommen. Wenn sie schließlich dann doch tief auf den Grund sinken und all den Schmerz, die Angst, das Alleinsein und das Scheitern, die sie mit ihren Schutzmechanismen vermeiden wollten, erfahren, dann beginnen sie vielleicht zu lernen. Viele Menschen müssen zuerst ganz tief absinken, bevor die Sehnsucht voranzukommen größer ist, als die Sehnsucht, Schmerz, Angst, Einsamkeit und Fehlschläge zu vermeiden.Die innerlich wachsenden Menschen sind diejenigen, deren Wunsch, ganz zu werden, lieben zu können und fröhlich zu sein, so groß ist, daß sie wirklich bereit sind, sich auf dem Wachstumsprozeß einzulassen. Es reicht nicht aus, sich etwas zu wünschen. Wir werden nichts bekommen, wenn wir nur sagen, daß wir es uns wünschen. Wir müssen uns darauf einlassen, es zu bekommen und bereit sein, auf dem Weg zum Erfolg Fehler zu machen. Jeder von uns hat die Fähigkeit zu wählen, was für ihn am wichtigsten ist – Schmerz und Scheitern zu vermeiden oder ganz zu werden und zu wachsen und lieben zu können. Durch die Wahl, die wir treffen, wird alles andere bestimmt.

Auszug aus dem Buch: Aussöhnung mit dem inneren Kind; von Erika J. Chopich und Margaret Paul; aus dem UllsteinVerlag



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