Gerade bei den psychogenen (also scheinbar rein seelisch ausgelösten) Störungen pflegt es auf den ersten Blick nicht einzuleuchten, mit Medikamenten (“Chemie”) einzugreifen. So wurde es vor allem früher gesehen – und praktiziert. Inzwischen aber weiß man: Damit vergibt man zumindest einen Teil des möglichen Behandlungserfolgs, und der ist gerade bei Persönlichkeitsstörungen besonders mühsam zu erreichen.

Die Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte und vor allem Jahre haben aber gezeigt, dass es im Grunde keine absolut “reine”, also ausschließlich seelisch zu interpretierende Störungen gibt. Die Erklärung ist einfach:

Wie soll man sich auch anders die geistigen und gemütsmäßigen Funktionen erklären, als über die Schiene biochemischer Prozesse im Gehirn.

Für die organischen Funktionen leuchtet das ein. Wenn ein Muskel bewegt werden soll, ist das nur über einen Nerven-Impuls möglich, der in der Regel vom zentralen Nervensystem, also vom Gehirn selber kommt. Der Beweis ist einfach: Wenn die zentral-nervösen Strukturen nicht mehr funktionieren, also das entsprechende Areal im Gehirn oder der impuls-leitende Nerv zum Muskel, dann geschieht nichts mehr, der Muskel ist gelähmt.

Etwas höher angesiedelt, aber durchaus vergleichbar muss man dies bei kognitiven und emotionalen Funktionen sehen, also bei Geist und Gemüt. Hier ist es natürlich noch komplizierter, beschränkt es sich doch auf das Gehirn bzw. bestimmte Gehirn-Areale selber. Doch die Leistung, nämlich Kreativität oder Heiterkeit beispielsweise auf der positiven Seite und krankhafte Teilnahmslosigkeit und Depression auf der anderen, von ausgeprägten seelischen Krankheitszeichen wie Wahn und Sinnestäuschungen ganz zu schweigen, die müssen sich auch irgendwie biochemisch erklären lassen, ob einem das zusagt oder nicht. Und dafür sieht man heute vor allem die so genannten Neurotransmitter, also Überträger- oder Botenstoffe als entscheidend an.

Am schwierigsten aber wird es bei Verhaltensstörungen, besonders dann, wenn sie grenzwertig sind und in verdünnter Form auch bei so genannten “klinisch Gesunden” vorkommen (also Menschen, die keiner stationären Behandlung bedürfen, wahrscheinlich nicht einmal einer ambulanten Therapie, obgleich sie in dieser oder jener Richtung immer wieder auffällig werden).

Im Grunde sind diese Erkenntnisse alt, nämlich rund 100 Jahre. Sie basieren gerade bei den Persönlichkeitsstörungen auf der Überlegung, dass es sich bei diesen abnormen Verhaltensweisen auch um biologisch fundierte Zustände handeln müsse, die konstitutionell (also Anlage und Erbe) oder durch später erworbene Funktionsanomalien bedingt sind (Beispiele: die Psychiatrie-Professoren Kraepelin, 1903/04 und Kretschmer, 1921). Sie und ihre damals schon biologisch aufgeschlossenen Fachkollegen waren der Meinung, dass viele abnorme Persönlichkeiten oder Psychopathen letztlich also unvollständige Ausprägungen der beiden großen Gruppen endogener (von innen kommender, also als biologisch seit jeher akzeptierter) Krankheiten anzusehen sind, nämlich der Schizophrenien sowie affektiven Psychosen (endogenen Depressionen und manischen Hochstimmungen).

Und deshalb schlug man schon früh den Einsatz von Psychopharmaka vor, vor allem dann, wenn das Leidensbild Anklänge schizophrener, depressiver oder manisch überzogener Symptome aufwies. Dabei ging man vor allem von der Wunschvorstellung aus, die so genannte Vulnerabilität (Verwundbarkeit) für affektive (gemütsmäßig) und kognitive (geistige) Dysfunktionen zu reduzieren. Im Auge hatte man insbesondere bestimmte Merkmale der Persönlichkeitsstörung wie impulsives Verhalten oder starke Stimmungsschwankungen. Ferner psychosoziale Folgen dieser Persönlichkeits-Komplikationen wie Selbst- und Fremdgefährlichkeit. Oder mangelnde soziale Kompetenz (sich im Alltag zurecht zu finden), von konkret fassbaren Beschwerdebildern wie depressive oder ängstliche, zwanghafte oder sonstige Syndrome (Symptom-Kombinationen) ganz zu schweigen.

Tatsächlich hat sich die pharmakologische Behandlung von Persönlichkeitsstörungen im Rahmen eines Gesamt-Behandlungsplans inzwischen durchgesetzt. Sie stellt auch keine konkurrierende Alternative zur Psychotherapie dar. Im Gegenteil: Sie bereitet in vielen Fällen der Behandlung mit seelischen Mitteln erst den Boden, ganz abgesehen von der Notwendigkeit einer Krisenintervention (z. B. bei Selbst- und Fremdgefährdung, d. h. Suizidgefahr und aggressiven Durchbrüchen).

Natürlich muss sie – wie überall sonst auch – kritisch abgewogen werden, was Notwendigkeit (da in der Regel lang dauernd) und was Nebenwirkungen sowie Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln anbelangt. Und ganz besonders die Suchtgefahr. Deshalb ist man mit Beruhigungsmitteln vom Typ der Benzodiazepin-Tranquilizer gerade bei Persönlichkeitsstörungen eher zurückhaltend, bestenfalls zur raschen Angstlösung und Aggressionsmilderung in Krisensituationen (siehe oben).

Keine Suchtgefahr besteht dagegen bei Antidepressiva, also stimmungsaufhellenden Arzneimitteln, wenn es sich um Persönlichkeitsstörungen mit ängstlich-depressivem Hintergrund handelt. Das gleiche gilt für die antipsychotischen Neuroleptika, die man als hochpotente Neuroleptika gegen die Symptome einer Psychose (Geisteskrankheit wie Schizophrenie oder organischen Psychosen durch äußerliche Einwirkungen) nutzen kann, ergänzt durch mittel- und niederpotente Neuroleptika mit weniger ausgeprägter antipsychotischer, mehr beruhigender Wirkung. Besonders günstig sind die inzwischen entwickelten so genannten atypischen Neuroleptika, die ein breites Wirkungsspektrum ohne die sonst gefürchteten extrapyramidalen Nebenwirkungen haben (beispielsweise nicht mehr korrigierbare medikamentös ausgelöste Bewegungsstörungen).

Quelle: http://www.psychosoziale-gesundheit.net/psychiatrie/persoenlichkeit.html