R eflektiert sein, heißt nicht, dass man kritikfähig ist. Und Kritikunfähigkeit ist kein
Alleinstellungsmerkmal der narzisstischen Persönlichkeitsstörung, auch wenn
Narzisstischen Persönlichkeiten oft eine generelle Kritikunfähigkeit aufgrund mangelnder
Empathie und damit einhergehender Selbstverliebtheit nachgesagt wird.
Reflektiert sein heißt lediglich, dass man einsichtig ist und dass man ebenso eine zweite
oder dritte Meinung zulassen kann und sich darüber Gedanken macht. Jemand der
Kritikunfähig ist, duldet keine zweite Meinung, fühlt sich oft zu unrecht kritisiert oder falsch
verstanden, nur das passiert nicht nur dem diagnostizierten Narzissten, sondern auch den
Menschen, die bloß narzisstische Züge in sich haben. In der gesellschaftlichen Diskussion,
wird oft erwähnt, dass im Grunde jeder Mensch narzisstische Züge hat. Wenn man es nicht
pathologisiert, kann man auch einfach nur sagen, dass es eine Charaktereigenschaft der
Person ist, dass sie eben nicht gut im reflektieren ist, vielleicht eine große Ich-Bezogenheit
aufweist aber dennoch unterscheiden kann zwischen konstruktiver Kritik und einem
Vorwurf. In der Therapie, aber nicht nur da, sondern auch an anderen Orten wird soziales
Kompetenztraining angeboten. Das Kommunikationsmodell von Herrn Thun von Taxis ist
kein reines Therapieinstrument, sondern es findet auch andernorts Anwendung. Es kommt
oft auch nur darauf an, wie jemand die Kritik versteht. Es gibt durchaus kritikfähige
Narzissten, die es erlernt haben damit umzugehen. Es gibt aber auch eben narzisstische
Persönlichkeiten, die weder das eine, noch das andere sind. Mir geht es nur darum, vor
Augen zu halten, dass man nicht jedes Symptom der narzisstischen Persönlichkeitsstörung
auf einen diagnostizierten Narzissten übertragen kann.

Nicht jedes Symptom trifft zu. Es gibt so viele unterschiedliche Formen und Ausprägungen
des Narzissmus. Nicht jeder Narzisst ist selbstverliebt. Und nicht jeder Mensch der mit Kritik
nicht umgehen kann, ist deswegen ein Narzisst.

Viele Narzissten sind narzisstisch ohne es zu wissen. Und die, die es
wissen, die dann sogar eine Therapie machen, sind trotzdem Narzissten, auch wenn man es
Ihnen nicht ansieht. Man liest immer wieder, wie schlimm Narzissten sind. Sie manipulieren,
sie idealisieren, sie werten ab, sie nutzen andere aus um an ihr Ziel zu kommen, sie
erwarten bevorzugte Behandlung, sie sind Ich- Bezogen, sie sind Kritikunfähig, sie besitzen
keine Empathie, kein Einfühlungsvermögen, sie halten sich für etwas Besseres und so
weiter. Dass es sich in der Regel nicht um einen Narzissten handelt, sondern um einen
Menschen mit einer dissozialen PS, wird auch gern unterschlagen. Und wenn dann mal ein
diagnostizierter Narzisst, der Therapie macht, sich unter Kontrolle hat und dies auch zeigt,
dann wird wieder gesagt, du bist kein Narzisst, denn Narzissten sind so und so. Borderliner
sind auch nicht alle gleich. Jemand der depressiv ist, bringt sich auch nicht immer um.

Und ein Psychotiker hört auch nicht jeden Tag irgendwelche Stimmen. Ich bedauere es sehr,
dass die Gesellschaft immer noch verallgemeinert und pauschalisiert. Sicherlich machen
Menschen mal mehr, mal weniger ähnliche Erfahrungen. Aber keine erlebte Erfahrung ist
gleich. Ich war mal in einer Klinik, wo man bei mir den Verdacht auf Borderline geäußert
hat. Der behandelnde Doktor meinte gleich, er wüsste genau, wie ich ticke. Er habe ja
schon so viele Borderliner Patienten behandelt und alle würden sich ähneln. Ja sie ähneln
sich, aber keiner ist gleich. Dazu kommt eben nun auch, dass diese Verdachtsdiagnose
nicht richtig war, aber zum Glück ist die Medizin heute schon ein Stück weiter und
differenziert bei den Persönlichkeitsstörungen. Und das gleiche gilt für jede Spezies. Auch
eineiige Zwillinge kommen mit unterschiedlichen Temperamentseigenschaften um die
Welt, das hat die Forschung bewiesen aber auch das Leben, auch wenn sie optisch gleich
aussehen, es sei denn sie sind unterschiedlichen Geschlechts. Jeder Mensch ist anders.

Und nicht jeder narzisstischer Zug ist gleichzusetzen mit einer narzisstischen
Persönlichkeitsstörung, ebenso wie nicht jeder Narzisst, alle in der Gesellschaft bekannten
narzisstischen Züge aufweist. Das liegt auch schon an den unterschiedlichen Erfahrungen
zusammen, die man als Mensch durchlebt. Über Borderliner wird gesagt, dass sie ritzen,
über Psychotiker wird gesagt, dass sie alle Drogen konsumiert haben müssen und über
Narzissten wird gesagt, dass sie als Kind nicht genügend Aufmerksamkeit bekommen
haben. Nur gibt es auch Narzissten, die zu viel Aufmerksamkeit bekommen haben und
deswegen dieses Geltungsbedürfnis haben. Die einen betteln um Aufmerksamkeit, weil sie
nicht genug bekommen haben, die anderen sind aufmerksamkeitsverwöhnt und brauchen
das, um sich gut zu fühlen. In der Therapie lernt man dann, dass man die Anerkennung
anderer nicht brauch, weil man sich ja selber das geben kann, was man brauch, bzw… was
andere einem nicht geben und dass man nichts erwarten soll, sondern sich auch mal
freuen darf, über das, was kommt. Irgendwann wird auch die Gesellschaft soweit sein, dass
nicht sofort verallgemeinert wird uns bis dahin wird eben weiter geforscht. Ich kann die
Meinungen anderer respektieren, vielleicht sogar akzeptieren, aber annehmen muss ich sie
deswegen nicht. Ich darf meine eigene Meinung behalten. Ebenso dürfen die anderen ihre
Meinungen behalten. Ich kann, die Meinungen anderer annehmen, ebenso können auch
die anderen meine Meinung annehmen. Das ist dann Reflektion. Ich bewerte nicht sofort,
sondern ich analysiere. Es gibt in „dem Fall unterschiedlicher Ansichten/ Meinungen“ kein
richtig oder falsch, denn Subjektivität ist nun mal individuell, wäre doch schade, wenn alle
gleich sind und jeder dieselbe Meinung hat. Man sagt doch immer, Gegensätze ziehen sich
an. Gleich und Gleich gesellt sich gern, gibt es auch, das darf es auch geben und das ist
auch okay, solange die „Gleich und Gleich-Typen“, die „Gegensätze ziehen sich an Typen“
deswegen nicht verurteilen. Und wer jetzt noch anderer Meinung ist, darf diese trotzdem
gerne behalten!!!

Text von Daniel S.