über Methatesiophobie: Die Angst vor dem eigenen Erfolg und der narzisstischen Abwehr

Wer Erfolg hat, wer es gewohnt ist im Rampenlicht zu stehen, wird beklatscht und beachtet und steigt in der Regel in Ansehen und Hierarchie auf. Erfolg macht sexy. Wer Erfolg hat, geht gern zur Arbeit. Wer Erfolg hat was zu melden. Erfolg ist etwas so wundervolles. Zugleich aber setzt man sich selber einem Druck aus, dem man oft nur aushält, wenn man (Über-)kompensations-möglichkeiten hat. Denn wer Erfolg hat wird auch daran gemessen. In unserer heutigen Gesellschaft die von Wachstum und Leistung geprägt ist, wo die Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit in der Regel nur noch auf dem zweiten Bildungsweg eine Rolle spielt, wo persönliche Entwicklung und Individualität auf Kosten von Ehrgeiz und dem Streben nach Macht durchs Raster fallen, zählen die inneren Werte einfach nichts.

Innere Schönheit, die man außen nicht erkennt, bringt nichts in dieser oberflächlichen, materialistischen Welt. Sex sells. Wer sich nicht anpassen oder unterordnen kann bleibt auf der Strecke. Es geht nur noch um MEHR Erfolg, MEHR Leistung und MEHR Geld. Nicht um umsonst wird der Narzissmus auch als GIER-SYNDROM bezeichnet.
Diese unerträgliche und vor allem unstillbare Gier macht auch nicht vor dem sozialen Bereich halt, wo man denkt, dass es dort noch sozial zugeht. Die Anforderungen an jeden einzelnen wachsen, die Kosten steigen und immer weniger Zeit für das wirklich Wichtige wird eingeplant. Heute macht Arbeit mit Menschen nur dann Freude, wenn der Mensch etwas Produktives leistet und nicht nur verbraucht. Wir haben nicht erst seit gestern einen Fachkräftemangel vorzuweisen. Die guten Leute verlassen rechtzeitig das sinkende Schiff, weil sie erkannt haben, dass sie diese Systemkrankhheit nicht besiegen können. Im Grunde genommen ist dieser Zustand nicht hinnehmbar und dennoch wird er geduldet. Solange wir keine Mittel finden, den Narzissmus und die ihm zugrunde liegende Bedürftigkeit zu zähmen, solange wird der Narzissmus unsere Gesellschaft beherrschen. Solange wir uns weiter über das Außen und was vom Außen erwartet wird definieren, solange wird Einfühlungsvermögen und Empathie stagnieren. Solange man nicht man selbst sein kann, solange wird man die Maske tragen müssen, auch um einen Zusammenbruch zu verhindern. Dabei ist die Titanic schon vor 100 Jahren untergegangen. Damals sah man auch nicht den Eisberg, obwohl man wusste, dass da einer ist. Wir sehen die Gefahr, wollen sie aber nicht wahr haben. Wir reden sie uns schön. Wir belügen uns immer mehr, nur um uns nicht eingestehen zu müssen, dass wir die Welt nicht retten können. Wir können uns nur selber retten. Wer sich aber selber rettet, gilt als krankhafter Egoist.

Ich bin gespannt wie lange unsere Gesellschaft noch sich zusammenhält.

Jede Schwäche, jeder Makel, gilt als Schmach und selbstverschuldet. Die nichtvorhandene Selbstliebe muss ausgeglichen werden, koste es, was es wolle.
Wer rastet, der rostet und das kostet. Nicht zu rasten kostet aber auf Dauer mehr. Man habe es eben nicht anders verdient, so die tiefe Überzeugung. Glück hat man nicht einfach, wenn man glücklich ist ohne zu wissen warum, nein Glück hat man nur, wenn man hart und härter arbeitet, so suggerieren uns das zumindest die Medien. Glück ist eine Rarität. Wer frühzeitig zufrieden ist, hat angeblich keine Träume mehr. Manch anderer hat einfach aufgehört zu träumen und wenige ertragen es nicht und setzen ihrem Leben ein Ende.
Man muss perfekt sein. Man muss, man muss, man muss.

Dass man nicht so gut ist, wie erwartet, dass man Fehler macht, dass man nicht alles auf Anhieb kann verursacht frühe Scham. Um diese Scham nicht zu spüren, wird entweder überkompensiert um allen zu zeigen wie toll man wirklich ist oder eben für Ablenkung wird gesorgt. Man macht sich Stress und schafft sich (Ersatz)Probleme, wodurch man auf Trab gehalten wird. Alles ist zur Ablenkung geeignet, was verhindert, dass man zur Ruhe kommt und Nachdenken sowie Besinnung zum Zuge kommen.
Im Endergebnis gewinnt der Markt der Laster, der uns regiert und weitere psychische Krankheiten zu Tage fördert. Der krankhafte Narzisst ist geboren, der sich über Geld, Macht und Reichtum definiert, dem Gefühle anderer nicht mehr wichtig sind, der über Leichen geht, nur um sich selbst zu spüren. Das Streben nach hohem (anti)sozialen Status, der Ehrgeiz sich hervorzutun um bestenfalls immer auf der Gewinnerseite zu stehen umgibt uns am Ende wie große Felsbrocken, die uns den Weg zum wahren Glück versperren. Das Ergebnis sind Diätwahn, Fitnessqual, Markenfetischismus und künstliche Schönheit. Kein Wunder, dass manche die Wahrheit nicht mehr ertragen und nur mit geschlossenen inneren Augen vor dem Spiegel stehen.

Der Ablenkungszwang bedient sich heutzutage vor allem auf Internet, Fernsehen und Erreichbarkeit über Handy. Statt miteinander zu reden, wird oft nur noch nötigste via WhatsApp ausgetauscht. Wer kein WhatsApp hat, hat keine Freunde mehr oder wird aussortiert bzw. übergangen. Wir mutieren zu Sprachbanausen oder Kommunikationsanalphabeten. Wer A sagt, kann auch B sagen, dass das Alphabet aber aus 26 Buchstaben besteht, wird dabei gern vergessen. Narzisstisch bedürftige Menschen machen sich zu Junkies der medialen Angebote und prostituieren sich unter Wert nur um INN zu sein, zumindest solange, bis ein neues Smart- oder Eyephone auf den Markt kommt.

Bis heute habe ich mich erfolgreich gegen den Boom der Smartphone Industrie gewehrt. Jetzt besitze ich auch ein DING mit dem ich INN bin, weil ich überall erreichbar bin. Viele Bekannte und Möchtegern- Freunde haben sich monatelang nicht gemeldet, bis sie sahen, dass ich bei WhatsApp bin. Und auch vorher schon lehnten mich zahlreiche Frauen ab, nur weil ich mich eben nicht dem gesellschaftlich so angesagten ZWANG unterwerfen wollte. Immerhin haben mein Vater und meine Tante bei mir angerufen und auch mit meinen besten Freunden funktioniert die Kommunikation auf altem Wege noch bestens. Man hat sich eben an den wertschätzenden Umgang gewöhnt. Ich hoffe wir behalten uns das bei und mutieren nicht auch noch zu LOL´ern und ROFL´ern, deren Emotionen wie eingefroren wirken.
Im Grunde war ich ein wenig enttäuscht darüber, auch wenn es mich freute, dass sich manch einer wieder mal meldete. SMS schreiben oder mal anrufen ist zu umständlich und aus den Ferien mal eine Ansichtskarte zu schicken, nicht mehr zeitgemäß. Selbst meine spießigen Eltern schreiben nur noch Massen-SMS an alle, wenn sie im Urlaub sind. Irgendwie gefiel mir unsere Welt früher besser.
Früher verabredete man sich noch zum Eis essen, Inlinern oder Fußball spielen. Heute trifft man sich bei WOW oder beim Shoppen in der nächstgrößeren Mall, die täglich neu eröffnet werden um den Markenzwang aufrecht zu erhalten.

ZVI= Zu viel Information. Gezwungenermaßen wird man in Zügen, auf Flughafen oder in Gaststätten Zeuge so manch überflüssiger Unterhaltung, mit der wir uns und unsere Mitmenschen gegenseitig belästigen. Auch das Mit- oder Zuhören ist eine Art von Ablenkung vom SELBST und Fehlersuche beim ANDEREN.

Wie tief sind wir gefallen und wie groß ist unsere Not, vor der so manche Experten schon seit längerem warnen? Sie stinkt schon sprichwörtlich bis zum Himmel, denn wie sonst soll man sich erklären, dass die narzisstische Bevölkerung sich solche Primitivität nicht nur gefallen lässt und diese konsumiert, ssondern diese dann sogar an den Nachwuchs weiter gibt. Kinder hinterfragen ihre Eltern auch nicht mehr, sondern gehen davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat, weil es jeder macht. Und macht man es nicht, ist man anders und alles was anders ist, ist unnormal und unnormal ist lächerlich und gilt als potentielle Mobbingopfer.
Das Niveau der medialen Angebote ist ein Gradmesser und zugleich ein Spiegelbild der Verstörung eines großen Teils der Bevölkerung im Dienste narzisstischer Abwehr.

Die Selbstsucht ist sichtbarer. Süchtig machen aber nicht die Angebote an sich, sondern die zugrunde liegenden unerfüllten Bedürfnisse nach Liebe, nach Anerkennung, nach Bestätigung und stabilen Beziehungen.
Wer sich zu seiner Störung bekennt, erkennt die Möglichkeiten, die sich bieten, wenn man hinter seine Fassade blicken kann. Man ist zu mehr im Stande, als nur zu leisten. Wer seine Bedürftigkeit erkannt und akzeptiert hat, kann auch lernen, die Kompensations- und Ablenkungsmöglichkeiten so zu optimieren, dass der eigene Schaden und die Schädigung anderer vermindert werden kann.
Ich wünsche der Gesellschaft baldige Erkenntnis. Ich bin froh, diese Erkenntnis vor einiger Zeit erlangt zu haben um mich jetzt nochmal bestmöglich neu zu entdecken, zu entwickeln und mein geschundenes Selbstvertrauen neu aufzubauen. Ich bin dankbar dafür. Und wer sich vor einer Therapie fürchtet, denke an ERICH FROMMs Aussage über die wirklich Irren. Denn das sind die, die sich nicht helfen lassen, wenn man genauer hinschaut.
Ich hoffe ich konnte Ihnen helfen.
Text von Daniel S.

Quelle: Hans-Joachim Maaz