Narzissmus.NET möchte sich vorab für die Möglichkeit und Genehmigung
zur Veröffentlichung bedanken. Vielen Dank an Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach
und an den Tectum Verlag für die Bereitstellung dieser wertvollen Informationen.

An dieser Stelle möchten wir auch das Buch von Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach
hinweisen: Heute liebe ich mich selbst!: In 7 Schritten zur Resilienz.

Weiterführende Infos zu diesem und dem folgenden Buch, finden sie am Ende
dieses Textes.

Vorwort von Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach

Kaum ein Krankheitsbild wird in dem Maße stigmatisiert wie die narzisstische
Persönlichkeitsstörung (NPS). Jemanden als Narzissten zu bezeichnen kommt
einer Beschimpfung gleich. Während andere seelische Erkrankungen wie Depression
und Alkoholismus mittlerweile im Allgemeinen als Krankheiten anerkannt wer-
den, ist dies bei der NPS noch lange nicht der Fall. Narzissten sind zu gesund, um
krank zu sein, und zu krank, um gesund zu sein. Sie liegen immer irgendwie
dazwischen.
Schon der Begriff Narzissmus ist zwiespältig besetzt. Einerseits steht er für
Selbstliebe. Sich selbst zu lieben ist grundlegender Bestandteil seelischer Gesund-
heit und unersetzlich für jeden, der sein Leben selbstbestimmt gestalten will.
Wenn wir uns selbst nicht um unsere Bedürfnisse und Interessen kümmern, wer
sollte es dann tun? Andererseits steht Narzissmus für selbstbezogene, ichzen-
trierte Selbstverliebtheit, die vornehmlich das Ziel verfolgt, die eigene Grandio-
sität darzustellen.
Wie in dem vorliegenden Buch eindrücklich beschrieben wird, reicht dieser
Zwiespalt quer durch unsere Gesellschaft. Ein Spiegel der überall vorhandenen
Selbstverliebtheit bieten uns die modernen Medien. Sie stellen eine Bühne für
unzensierte Selbstdarstellung bereit. Dagegen verlieren Initiativen an Bedeutung,
die sich für Gemeinsinn und das Wohl der Gesellschaft einsetzen. Für uns ist die
Frage viel interessanter, was wir von einer Sache haben und was sie uns bringt.
Es ist kein Problem, riesige Stadien mit Fußballspielen oder Rockkonzerten zu
füllen, da sind wir dabei. Wird aber für ein tolerantes und friedliches Europa
oder für mehr Umweltschutz demonstriert, sind die Veranstalter mit ein paar
Hundert Demonstranten glücklich. Wenn es um unser Vergnügen geht, stehen
wir parat. Sehen wir jedoch keinen unmittelbaren Profit für uns, schalten wir ab.
Nicht einmal das Schicksal unserer Enkel bringt uns dazu, auf unser Auto zu
verzichten oder den Atomstrom abzustellen. Wir sind uns selbst am nächsten.
Das hält uns aber nicht davon ab, auf diejenigen herabzublicken, die in diesem
Bereich eine gesundheitliche Störung entwickelt haben. Die Stigmatisierung der
Narzissten dient der kollektiven Abwehr einer narzisstisch durchdrungenen
Gesellschaft. Die Beschimpfung der Kranken hilft uns, unsere eigene Selbstzen-
triertheit zu übersehen.
Tatsächlich kann man aber den allgemein in der Gesellschaft vorhandenen
Narzissmus und die narzisstische Persönlichkeitsstörung nicht klar voneinan-
der trennen. Der Übergang verläuft fließend.

Abgesehen davon ist Narzissmusf ür uns nützlich, als Individuen und als
Gesellschaft. Jeder Prominente, der ins Lampenlicht tritt, benötigt diesen
Hunger, gesehen und beklatscht zu werden.
Er liebt die Fans, die sich bei seinem Erscheinen in Ekstase tanzen. Und wir sind
gerne bereit, ihm zu huldigen. Promis sind die perfekten Grenzgänger. Auf der
Bühne bejubeln wir sie für ihre ungenierte Selbstdarstellung, privat würden wir
sie kaum über längere Zeit ertragen können, da sie drohen, uns mit ihrem Gel-
tungsbedürfnis zu erdrücken.
Spitzt sich ein narzisstischer Persönlichkeitsstil zu, sprechen wir ab einer Grenze,
die sich nur unscharf definieren lässt, von einer Persönlichkeitsstörung. Derselbe
selbstbezogene Mensch kann mit seinen Eigenarten als Künstler oder Unterneh-
mer gefeiert werden, sollte der Erfolg jedoch ausbleiben, führt das möglicher-
weise dazu, dass er sich noch weiter in seine ichbezogenen Verhaltensweisen hin-
einsteigert. Entwickelt er in Anbetracht seiner Erfolglosigkeit Leidensdruck oder
leiden andere unter seinem Verhalten, mündet sein Verhaltensmuster schließlich
in der Diagnose einer Persönlichkeitsstörung. Aus medizinischer Sicht ist für
diese Diagnose ein starres, tief greifendes und in vielen persönlichen und sozia-
len Situationen unpassendes Verhaltensmuster ausschlaggebend.
Aber wie kommt es nun dazu, dass Menschen eine narzisstische Persönlich-
keitsstörung ausbilden? Um das grob zu skizzieren, unternehmen wir einen kur-
zen Ausflug in die Kindheit. Jedes Kind wünscht sich Liebe, Geborgenheit, Aner-
kennung, Aufmerksamkeit, Respekt und Ähnliches. Hierbei handelt es sich nach
Rainer Sachse, einem der führenden Forscher im Bereich Persönlichkeitsstörun-
gen, um sogenannte Beziehungsmotive. Denn diese Bedürfnisse können nur
durch die Beziehung zu anderen – und das heißt bei Kindern zu einem sehr gro-
ßen Teil in der Beziehung zu den Eltern – befriedigt werden. Erhält ein Kind die
gewünschte positive Zuwendung der Eltern, kann es Selbstwert und Selbstliebe
entwickeln. Diese positiven Erfahrungen werden als tief liegende Selbstüberzeu-
gungen, in der Fachsprache auch „Schemata“ genannt, von uns abgespeichert.
Um ein gesundes Selbstbild zu entwickeln, in dem wir wertvoll und liebenswert
sind, über viele positive Fähigkeiten verfügen und Probleme bewältigen können,
sind wir auf die positive Unterstützung unserer Eltern, auch Spiegelung genannt,
angewiesen. Mit jedem (Entwicklungs-)Schritt, den wir gehen, erhalten wir unter-
stützende und Mut machende Zuwendung unserer Eltern, mit dem sie unseren
Erfolg spiegeln. Wir werden dadurch in unserem Handeln bestätigt und zu wei-
teren Schritten angespornt. In diesem Moment erleben wir, dass wir wertvoll
sind. Selbstwert wird in unserem Schema abgespeichert.

Menschen, die an einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leiden, mussten
in diesen Bereichen zumeist gravierende und schmerzvolle Defizite erleiden. Sie
haben nicht die positive Rückmeldung erhalten, nach der sie sich so sehr sehn-
ten. Nach Sachse bieten sich dem Kind an dieser Stelle mehrere Reaktionsmög-
lichkeiten. Es kann sich anpassen oder resignieren, oder es kann Handlungen
entwickeln, mit deren Hilfe das Kind die Eltern doch noch dazu bewegen kann,
zumindest in Teilen die Zuwendung zu geben, nach der es sich so sehr sehnt. Bei-
spielsweise kann sich ein Kind permanent über Ungerechtigkeiten beschweren,
schmollen und „Theater machen“. In anderen Situationen kann es betonen, wie
toll, wie begabt und weshalb es anderen Kindern überlegen ist. Durch solches
Verhalten erhält es tatsächlich zumindest zum Teil die Aufmerksamkeit seiner
Eltern, die so wertvoll für es ist. Und wenn es mit solchem Verhalten erfolgreich
ist, wird es diese Strategie immer wieder anwenden.
Tragisch an dieser Entwicklung ist jedoch, dass das zugrunde liegende Bedürf-
nis, bedingungslos geliebt zu werden, nicht erfüllt wird. Das führt zu dem Teu-
felskreis, dass das Kind mit seinem Verhalten immer wieder um Liebe bettelt, aber
nur eine oberflächliche Aufmerksamkeit erhält, die möglicherweise von einer
latenten Gereiztheit der Eltern untermalt wird, womit nun ausgedrückt wird, dass
die Liebe nicht bedingungslos ist. Die permanente Frustration des zugrunde lie-
genden Bedürfnisses kann zu der Selbstüberzeugung führen, die man zusammen-
fassen kann in dem einen Satz: „Ich bin ein Versager.“ Denn Kinder suchen unbe-
wusst lieber bei sich selbst die Erklärung für eine schwierige Situation, da sie es
sich nicht leisten können, ihre Eltern infrage zu stellen. Schließlich erleben sie sie
als übermächtig und kompetent. Sie sind von ihnen existenziell abhängig.
Tatsächlich entspricht die Selbstüberzeugung, ein Versager zu sein, nicht der
Wahrheit. Die Bezeichnung „Versager“ ist absolut, Menschen sind aber nie nur
schwarz oder weiß. Gesunde und Kranke verfügen über viele, ganz unterschied-
liche Persönlichkeitsanteile. Kein Mensch besteht aus ausschließlich guten oder
schlechten Anteilen. Jeder Mensch, auch ein Persönlichkeitsgestörter, verfügt
über liebenswerte, wertvolle und attraktive Seiten.
Das Selbstschema, ein Versager zu sein, ist seiner Natur nach schlicht uner-
träglich. Wir betrachten weiterhin den Bereich des Unbewussten. Der Narzisst
will nun diese hässliche Überzeugung ständig abwehren, indem er sich Hand-
lungsweisen zu eigen macht, die seine Grandiosität unterstreichen, um nur nicht
diesen tief liegenden Schmerz zu spüren. In der kommenden Generation wieder-
holen sich dann diese Mechanismen. Narzisstisch gestörte Eltern sind so sehr
mit sich selbst beschäftigt und darum bemüht, ihr inneres Selbstwerterleben auf-
rechtzuerhalten, dass sie den eigenen Kindern nicht die Achtung, Aufmerksam-
keit, das Verständnis und die Liebe entgegenbringen, die diese benötigen. Damit
schließt sich ein zerstörerischer Kreislauf.

Diese kurze Beschreibung kann das Wesen der narzisstischen Störung sicher-
lich nur in Ansätzen erläutern. Es macht aber verständlich, warum zu erwarten
ist, dass die NPS in Zukunft zunehmen wird. Wir leben in einer Gesellschaft des
Multitaskings und der Zerstreuung. Eltern achten mehr auf ihre Smartphones
als auf ihre Kinder. Permanent laufen diverse Aufgaben parallel. Der geschützte
Raum, in dem sich Eltern mit ihren Kinder ungezwungen und frei von äußeren
Störungen bewegen können, steht unter massivem Beschuss. Medien wie Smart-
phone, Computer und Fernsehen werden immer komplexer und versuchen unge-
niert, sich bis in den letzten Winkel unserer Privatsphäre einzuschleichen. Arbeit-
geber fordern immer mehr Flexibilität von ihren Mitarbeitern. Am besten sind
wir immer einsatzbereit. Wir sind immer überall, aber nicht mehr richtig bei uns
selbst und schon gar nicht bei unseren Kindern. Dass zu Hause mal spontan ein
Nachbar zu Besuch kommt, mit dem man bei einer Tasse Kaffee plaudernd ein
Stündchen auf der Küchenbank verbringt, kennen wir nur noch aus den Erzäh-
lungen unserer Großeltern. Wir haben alle keine Zeit mehr, wir sind so furcht-
bar beschäftigt. Am meisten leiden die schwächsten Mitglieder unserer Gesell-
schaft darunter, nämlich unsere Kinder.
Wir sollten sehr viel Energie aufwenden, uns dieser Entwicklung entgegenzu-
stellen. Die in diesem Buch vorliegende Auseinandersetzung mit dem Krank-
heitsbild der narzisstischen Persönlichkeitsstörung ist ein Aufruf an die Gesell-
schaft, sich kritisch zu hinterfragen. Es verdeutlicht, wie unendlich wertvoll
ungeteilte Aufmerksamkeit, Respekt, Einfühlungsvermögen, Wahr- und Ernst-
genommenwerden, Ermutigung, Anerkennung und eine wertschätzende Ausei-
nandersetzung für Kinder sind. Damit müssen sie keinen Überlebenskampf um
Liebe und Aufmerksamkeit führen, sondern erfahren von Beginn an das nicht
mit Gold aufzuwiegende Geschenk bedingungsloser Liebe.

Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach

Auszug aus: Leonard Anders. Ein Narzisst packt aus. Ehrlichkeit gegenüber
dem inneren Kind und gesellschaftliche Anerkennung. ISBN 978-3-8288-4043-0
© Tectum Verlag 2018. Alle Rechte vorbehalten.
Mit freundlicher Genehmigung des Verlages und Dr. med. Bodo Karsten Unkelbach.